Wenn es ums Altern geht, muß man genau sein, denn der Tod zählt schon mit. Alte sollten nicht weniger tun als Junge, egal, was die Gewerkschaften dazu sagen: Geist braucht Training, und was weiter unten ist, zieht dann auch mit. Altersweisheiten sind überall billig zu haben. Doch wie alt muß einer werden, damit sich die eigenen Weisheiten nicht wie das letzte Wort anhören? "Der Weisheit letzter Schluß", wo mag er gerade sein? Das Alter darf sich jederzeit Kritik an Weisheiten leisten. Aber wie lange gilt eine Weisheit, und welche hält ununterbrochen durch?

Politiker können weltweit mindestens bis achtzig Karriere machen, in Kunst und Wissenschaft darf sich das Alter recht ungehindert sehen lassen. An Werkbänken jedoch und Computerpulten leidet es in verbissener Trauer unter der Vorruhestandsregelung. "Trau keinem über dreißig", jene, die diesen Spruch hinausplärrten, gehen heute meist bärtig ihrer Wege und machen sich älter, als sie sind.

Unsere Wegwerfgesellschaft besteht bald aus Frührentnern, Pensionären, Wohlstandsinvaliden und kränkelnden Sozialhilfeempfängern. Nach ihrem Tod ist ihnen auch nur Kurzweil in den Gräbern vergönnt; die Platznot auf den Friedhöfen ist akut. Und angesichts der zunehmenden Kirchenaustritte nehmen sich die Pastoren zwangsläufig mehr Zeit für prosaische Nachrufe auf ihre letzten Getreuen.

Eine neue Bewegung – immer mehr Bewegungen lassen sich in Vereinsregister eintragen – könnte statt Altersheime Trainingsstätten für Körper- und Geistesfrische gründen, Wand an Wand mit Jüngeren und ohne Feierabendaufrufe. Alterswerke, Meisterwerke, Jugendwerke, des Lebens Sinn und Zweck. Die einzige Tugend, die bleibt, ist die Angst. Sie hält alt und jung lebendig, wo auch immer letzten Endes.