Israelische Palästinenser, israelische Araber – gibt es die überhaupt? Steht nicht schon das Selbstverständnis der jüdischen Israelis wie das der Palästinenser und der Araber gegen eine solche Vorstellung? Alles nur eine Frage der Semantik?

David Grossman, bei uns vor Jahren durch sein Buch "Der gelbe Wind" bekannt geworden, in dem er die Situation der Palästinenser in den von Israel seit 1967 besetzten Gebieten eindrucksvoll beschrieb, hat jetzt nach zahlreichen Gesprächen mit den arabischen Mitbürgern seines Landes und nach vielen Besuchen in ihren Dörfern und Städten ein neues, spannend zu lesendes Buch vorgelegt.

Die in fast jeder Hinsicht besondere Situation der Araber/Palästinenser in Israel wird eindrucksvoll nachgezeichnet. Und es wird beschrieben, wie die jüdischen Israelis mit dem Zustand umgehen, daß innerhalb ihres Staates eine nicht eben kleine nationale Minderheit von rund 800 000 Menschen lebt, die sich mit vielem, was schon rein äußerlich die Staatlichkeit des Landes ausmacht – Flagge, Staatswappen und Nationalhymne –, nicht identifizieren kann, weil es ausschließlich jüdisch geprägt ist.

Angst und gegenseitiges Mißtrauen sind zwei Konstanten im Verhältnis der jüdischen und palästinensischen Israelis zueinander. Zwar haben sich einige Gruppen innerhalb der israelischen Gesellschaft die Koexistenz mit der Minderheit der hier lebenden Palästinenser auf ihre Fahnen geschrieben, aber auf Akzeptanz ist dieser Gedanke in den zurückliegenden Jahrzehnten bei der Mehrheit der jüdischen Israelis (noch) nicht gestoßen. Partizipation, wirkliche Teilhabe am politischen Leben – das ist dieser Minderheit bis auf den heutigen Tag versagt geblieben.

Es gibt keinen palästinensischen Minister im Staat Israel; jetzt hat die Regierung Rabin an die alte Tradition der Sozialdemokraten angeknüpft und wieder israelische Araber zu stellvertretenden Ministern ernannt. Es gab – laut Grossman – 1989 im höheren Dienst, in den Ministerien und den damit verbundenen Institutionen insgesamt 1310 Beschäftigte, von denen nur siebzehn Araber waren. Unter den Ärzten in der Krankenkasse der Gewerkschaft (Histadruth) sind nur zwei Prozent Araber vertreten.

Welchen gesellschaftlichen Status die in Israel lebenden Araber anstreben sollten, um ihren Rechten als nationale Minderheit im Staat Israel politischen Nachdruck zu verleihen, diskutieren die Gesprächspartner von David Grossman auf vielfältige Weise. Autonomie? Bisher hat man davon nur bezüglich der in den besetzten Gebieten lebenden Palästinenser gehört. Wäre aber die Gewährung dieses Status für diese Palästinenser nicht ein Ansporn für jene, die im israelischen Kernland beheimatet sind, sich alsbald von der jüdischen Mehrheit zu separieren und dann einen neuen Krisenherd in Israel selbst zu entfachen?

Ist eine erweiterte Minderheitenpolitik unter den gegebenen politischen Verhältnissen überhaupt möglich und ausreichend? Würde sie politisch von beiden Seiten getragen? Fragen, auf die im Buch keine eindeutigen Antworten gegeben werden, die aber in der israelischen wie palästinensischen Bevölkerung mit Nachdruck gestellt werden. Allein daß sie in dieser Offenheit gestellt und debattiert werden können, verweist auf Öffnungen dort, wo durch gegenseitiges Unverständnis so viele Verkrustungen und Verhärtungen entstanden sind.

Man sollte an Büchern wie dem von David Grossman nicht vorbeigehen, wenn man sich ein realistisches, die Herausforderungen der Zukunft aufnehmendes Bild von Israel und seinen Bewohnern machen will. Wo bleiben die arabischen, palästinensischen Autoren und Journalisten, die ihren Beitrag zur freimütigen Bestandsaufnahme der Gegenwart leisten? Daß es sie gibt, wissen wir, nicht zuletzt durch die Lektüre des Buches von David Grossman. Hartwig Bierhoff