Von Judith Reicherzer

Der moderne Mensch muß mobil sein. Ohne Auslandsaufenthalt keine Karriere, das predigen Professoren und Personalchefs. "Wegen der zunehmenden Internationalisierung der Wirtschaft sind die Unternehmen daran interessiert, sich durch die Beschäftigung von EG-Arbeitnehmern das jeweilige Kulturverständnis einzukaufen", haben Heinz Werner und Ulrich Walwei, Wissenschaftler bei der Bundesanstalt für Arbeit, herausgefunden.

Wer also heute Karriere machen will, muß wandern. Und das können die Europäer mit Abstand am besten. Freizügigkeit heißt das Schlagwort, das Arbeitnehmern und Studenten, aber auch Rentnern und Lebenskünstlern den Sprung von Land zu Land erlaubt – besser als sonst irgendwo auf der Welt. Wer die Uni in Paris satt hat, studiert in Kopenhagen. Wer mehr verdienen will, geht von Lissabon nach Luxemburg.

Schon 1957, als die Staats- und Regierungschefs der Beneluxländer, Frankreichs, Italiens und Deutschlands die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft gründeten, einigten sie sich darauf, die Freizügigkeit für Arbeitnehmer zu sichern. Nicht nur für Waren, Dienstleistungen und Kapital, sondern auch für Arbeitskräfte sollten die Schranken fallen. 1968 wurde diese Idee in eine Verordnung umgesetzt. Seitdem dürfen die Mitgliedstaaten EG-Ausländer beim Zugang zu ihrem Arbeitsmarkt nicht mehr behindern und sie nicht anders behandeln als die eigenen Landsleute.

Heute geht diese Freiheit noch viel weiter. Nach den Arbeitnehmern kamen die Selbständigen zum Zug, später Familienangehörige, Touristen und Teilzeitbeschäftigte. Im vergangenen Sommer bezog die EG Studenten und Rentner und, in der sogenannten "Playboy-Richtlinie", auch Nichterwerbstätige mit ein. Selbst Angestellte des öffentlichen Dienstes, die die Vertragspartner 1957 noch ausdrücklich von der Freizügigkeit ausgenommen hatten, dürfen nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) heute wandern, solange sie, wie etwa Lehrer oder Lokomotivführer, keine hoheitlichen Befugnisse haben.

Nur noch wenigen Europäern bleibt die Wanderlust verwehrt. Wer sich nicht selbst versorgen kann oder nicht krankenversichert ist, wer ansteckende Krankheiten hat wie TBC oder Syphilis (nicht Aids) oder wer vorbestraft ist, muß in der Heimat bleiben. Für die meisten der 345 Millionen EG-Bürger aber ist Europa inzwischen grenzenlos, 2,5 Millionen von ihnen arbeiten bereits in anderen Staaten der Gemeinschaft.

Doch mit den Freiheiten kamen auch die Probleme. Vor allem die unterschiedlichen Sozialsysteme zwingen die Brüsseler EG-Beamten zu immer neuen Regelungen. Wer bezahlt die Rente des Italieners, der sowohl in seiner Heimat als auch in Belgien und Deutschland gearbeitet hat und nun in Italien alt werden will? Vorschriften dazu gibt es seit dreißig Jahren, doch die werden ständig erweitert und neu formuliert.