Von Peter Glotz

I.

An Rosa Luxemburg, der tragischen Jahrhundertfigur, ist nichts mehr zu entdecken. In den großen Auseinandersetzungen um den Revisionismus und den Massenstreik ist sie widerlegt worden. Mit dem schneidenden Veto gegen Lenins "Ultrazentralismus" hat sie recht behalten. Der berühmte Satz aus ihrem hellsichtigen, erst posthum veröffentlichten Pamphlet über die russische Revolution "Freiheit ist immer nur Freiheit des anders Denkenden" wird inzwischen sogar von den Nachfahren ihrer Feinde respektvoll dahergeplappert; und sie hatte Feinde – einige davon zahlten an den Jäger Runge, der ihr den Schädel einschlug, eine Belohnung von sechstausend Reichsmark.

Nein, wer siebzig Jahre nach seinem Tod noch Demonstrationen auslöst (der Beginn der offenen Rebellion gegen Honecker waren aufmüpfige Transparente bei einem Liebknecht/Luxemburg-Umzug im Jahr 1988), ist auf den Begriff gebracht. Auch die Liebesgeschichten sind inzwischen raus; die aus Polen stammende Amerikanerin Elzbieta Ettinger hat sie sämtlich ermittelt, auch die jungen Kerle wie Kostja Zetkin und Paul Levi. Was kann man also noch lernen aus dem Leben dieses Energiebündels, das eben sowohl ein "giftiges Luder" (Viktor Adler) als auch eine mitreißende Intellektuelle war? Ein Teil der Linken spricht schon nur noch per Vorname von ihr, wie reiche Leute von ihren Dienstmädchen. Noch Fragen?

Eigentlich nein. Auch Rosa Luxemburgs Internationalismus ist sorgfältig untersucht und abschließend gewürdigt. Ihr bedeutendster Biograph, Peter Nettl, hat ihn "extrem" und "dogmatisch" genannt. Im Zeitalter der Renationalisierung Europas dürfte dieses dreißig Jahre alte Urteil die gemessene Zustimmung der erdrückenden Mehrheit derer haben, die sich überhaupt mit so preziösen Gegenständen wie den Auffassungen einer im kalten Januar 1919 ermordeten Revolutionärin beschäftigen. Die einzige Chance für einen neuen Blick auf den bissigen Antinationalismus Rosa Luxemburgs wäre ein neuer Blick auf das Wendejahr 1989, eine Neubewertung der mitteleuropäischen Revolution.

Die Parallelen zwischen dem Ende des Ersten Weltkrieges und dem Jahr 1989 liegen auf der Hand. Damals wie heute zerbrachen multinationale Gebilde. Damals wie heute träumte man von universalistischen Ordnungsfaktoren; damals vom Völkerbund, heute vom Gewaltmonopol der Uno oder der friedenstiftenden Zauberwirkung der KSZE. Damals wie heute entstand eine ganze Milchstraße neuer Nationalstaaten. Rosa Luxemburgs Internationalismus könnte wieder zum Stimulus werden, wenn dem Westen die Gefahr bewußt würde, daß Europa ins Jahr 1919 zurückfallen könnte, genauer gesagt: daß es abstürzt in die Unsicherheit der Ära zwischen 1878 und 1939.

II.