STUTTGART. – Wolfgang Gönnenwein liebt mehr die Theatralik als das Theater. Und Kammertheater mag er gar nicht. Seinen großen Gesten ließ er nun die größte folgen: Mit seinem Rücktritt vom Posten des Generalintendanten der Stuttgarter Staatstheater hat er wahrscheinlich bewußt bis Freitag, den dreizehnten, gewartet; Künstler sind schließlich abergläubisch. Und da in der Ränkeschmiede um seine Person sowieso immer die anderen die Schurken sind, paßt dieses Datum in die nun sicher gestrickte Legende.

Aufstieg und Fall des Prinzipals sind ein richtiges Lehrstück von einem, der auszog, sich als Kulturschaffender allzu innig mit der Politik einzulassen. Als Jugendlicher hatte Gönnenwein geschwankt, ob er den Beruf eines Elektrikers oder Musikers ergreifen sollte. Zwar hatte er richtig gewählt, als Musiker und Künstler stand er häufig genug unter Starkstrom, doch sein Schritt hin zum Zentrum der Macht war schlicht ein Kurzschluß. Doch der Reihe nach.

Von chronisch finanzieller Unterversorgung geplagt, sah sich der Chef des Drei-Sparten-Hauses gezwungen zu sparen: Er verfügte kurzerhand, das kleine, aber feine Kammertheater von Januar 1993 an dichtzumachen. Dort liefen die für das Haus teuren Produktionen an wenigen Spielabenden. Eine Spielzeit aussetzen hätte dem Haus zwei Millionen Mark erspart.

Kaum fiel der Vorhang vor wenigen Tagen zur Kammertheater-Uraufführung "Der. Himmel mein Lieb meine sterbende Beute", betrat Schauspielchef Jürgen Bosse die Bühne. Mit heftigen Armbewegungen brach er den Beifall ab und begann mit bebender Stimme: "Herr Gönnenwein! Die schwäbischen Spatzen pfeifen es von den Dächern: Sie haben dieses Theater geschlossen, weil Ihr Vertrag dafür verlängert wurde. Unter Theaterleuten gibt es einen Ehrenkodex: Schließe nie ein Theater, geh vorher. Ich fordere Sie auf, treten Sie zurück!"

Natürlich fand Gönnenwein diesen Amoklauf "infam", und noch fanden sich einige, die dem Gescholtenen die Treue hielten. Doch als Bosse mit sofortiger Wirkung zurücktrat und das Ensemble sein Mißtrauen aussprach, wurde es sehr einsam um den "General". Die schwäbische Komödie geriet nun zum Husarenstück. Unter kräftiger Hilfe der örtlichen CDU-Größen verlängerte der Verwaltungsrat Gönnenweins Vertrag bis 1997 und kippte die ursprünglich vereinbarte Auflösungsklausel – die eigentliche Stuttgarter Peinlichkeit. Dabei brauchte der 120 Millionen schwere Theaterkonzern mit seinen 1200 Beschäftigten eher eine Strukturreform als die verlängerte Besetzung der Hauptrolle. Eine Rolle, deren Sinn angesichts selbständiger Spartendirektoren sowieso gänzlich unnötig erscheint.

Das Spielen der parteipolitischen Karte Gönnenweins war derart offensichtlich, daß nun auch die treuen Direktoren von Oper und Geschäftsführung das Schmuddel-Theater nicht mehr mitspielen wollten: Auch sie legten dem Kollegen den Rücktritt nahe. Den CDU-Freunden blieb nun nichts anderes übrig, als von Gönnenwein abzurücken, wollten sie sich eine noch größere Blamage ersparen. Zumal die SPD heftig mit einer Koalitionskrise drohte.

Gönnenwein wollte als Musiker die Politik dirigieren. Vom ehemaligen Regierungschef Lothar Späth ließ er sich an den Kabinettstisch holen – der Sündenfall seines Genres schlechthin. Da saß er nun als Staatsrat ehrenhalber, aber stimmberechtigt, auf den weichen Regierungssesseln, als Kunstbeauftrager sozusagen Herr über seine eigenen Aufsichtsräte, auf dem Sprung zum richtigen Kunstminister. Mit Späth und Gönnenwein trafen sich zwei, die wortreich Visionen zeichneten, zwei Spielernaturen, die ihre Meriten auf immer neuen Feldern ernten wollten. Als Kulturbegeisterte könnten sie vieles anstoßen und bewegen, aber wenig zu Ende bringen. Beide traten aufgrund öffentlichen Drucks zurück: der Vielreisende und der Kulturämterhäufende. Dieter Pahlke