Der Mitteldeutsche Rundfunk, eine Einrichtung des Bayerischen Rundfunks (Udo Reiter) unter Beihilfe der nach Leipzig (Henning Röhl), Dresden (Ulrike Wolf) und Magdeburg (Ralf Reck) entsorgten Barschel-Altlasten des NDR, hat sich in den letzten Tagen in überzeugender Weise kenntlich gemacht.

Der Jude Ignatz Bubis, der schon am 2. November in Rostock wegen seiner Einmischung in rein deutsche Angelegenheiten unangenehm aufgefallen war, wurde drei Tage später in Magdeburg schnellstens ausgeladen. Er hätte im Januar 1993 am „Magdeburger Gespräch“ des MDR teilnehmen sollen und hatte zugesagt, als der Magdeburger Funkhausdirektor Ralf Reck entdeckte, daß der Jude seine wahre Heimat nicht in Sachsen-Anhalt hat. Die TV-Sendereihe sei „Persönlichkeiten mit sachsen-anhaltinischem Bezug“ vorbehalten, wie – so stellte es sich heraus – der Hamburgerin Birgit Breuel, die überall zu Hause ist, wo es etwas abzuwickeln gibt. Der Neo-Magdeburger Ralf Reck war schon beim NDR in Hamburg durch eine besondere Feinfühligkeit hervorgetreten, wenn es um die Belange des Gift-Konzerns Boehringer Ingelheim ging. Während die Boehringer-Leute den Chef des NDR-Hamburg-Journals eher als Inoffiziellen Mitarbeiter ihres Hauses betrachteten, sahen seine NDR-Untergebenen in ihm einen Verhinderer ihrer Aufklärungsarbeit.

Anders als Bubis, der es als Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland als seine Pflicht ansehen muß, auch unangenehme Einladungen wahrzunehmen, hatte die Berliner Schauspielerin Angelika Waller überhaupt nicht die Absicht, an einer Gesprächsrunde des MDR teilzunehmen. Sie wurde genötigt.

Die „Ost-Schauspielerin“ – so die Unterzeile des Senders in Leipzig – ist keine Freundin von Talk-Shows. Aber, so Angelika Waller: „Bei dieser Sendung bin ich erpreßt worden. Ich habe einen Film gedreht, und da hat man der Produzentin gedroht, wenn sie es nicht schafft, mich da hinzukriegen, würde es schwer werden, weiterhin Geld zu kriegen.“

Dem aus Hamburg importierten Moderatorenpaar Jan Hofer und Hans-Erich Bilges, die mutmaßlich von Angelika Waller nie gehört hatten, war berichtet worden, daß die Schauspielerin im Osten sehr populär sei. Sie kommt aus dem Berliner Ensemble, spielte in Kurt Maetzigs von der SED verbotenem Film „Das Kaninchen bin ich“ die Hauptrolle und sollte jetzt endlich von den beiden Fachmännern aus dem Westen vorgeführt werden.

Zuerst versuchte es Jan Hofer, dann übernahm Herr Bilges: „Trotzdem waren Sie ja Teil, und zwar auch in den oberen Etagen der früheren Gesellschaft hier. Haben Sie nicht oft gedacht –“, setzte er an, da fuhr sie dazwischen: „Woher nehmen Sie die Dreistigkeit, das zu behaupten?“ Bilges setzte nach: „Ja, weil Sie über 29 Jahre zu den großen Schauspielerinnen gehörten – kraft Ihrer Leistung, aber –“ Und nicht in den Westen gingen, stand unausgesprochen dahinter.

Die Waller: „Ich habe Theater gespielt 26 Jahre, am Berliner Ensemble. Was reden Sie hier von oberen Etagen?“ Bilges wußte es genau: „Ja, nein – in der Gesellschaft hier gehörten Sie zu den Oberen!“ Sie: „Ich gehörte zu den guten Schauspielerinnen, dazu stehe ich auch.“ Bilges verlegen: „Ja, gut, das ist die eine Seite...“ Er lacht hilflos und schreit in den Beifall für die Schauspielerin hinein: „Ich will das erklären, ich will das erklären, Frau Waller. Sie haben sich doch sicherlich bei Ihrer Intelligenz oft die Frage gestellt: Ist das eigentlich richtig, was hier geschieht? Sie haben doch sicherlich auch Zugang gehabt zu den Dingen, zu denen einfache Menschen nicht Zugang hatten?“

Die Waller: „Wovon reden Sie? Ich bin doch nicht ein nicht einfacher Mensch.“ Bilges: „Man konnte nicht reisen, man konnte nicht reden, was man wollte.“ Die Waller: „Natürlich konnte man reden, und ich habe auch früher geredet, so wie ich heute rede.“ Jetzt endlich – hoffte er – hatte Bilges sie dort, wo er sie haben wollte, die Waller als SED-privilegierte Staatsschauspielerin: „Konnten Sie früher tun, was Sie heute tun können, dann waren Sie erst recht –“ Den Satz hätte er zu Ende führen müssen, leider fuhr die Waller etwas zu schnell dazwischen: „Ich konnte es nicht, aber ich habe es getan, und es konnte jeder andere auch. Entweder man hat Zivilcourage, oder man hat sie nicht. Und Leute, de früher was gesagt haben, werden auch heute was Sagen. Und die früher das Maul gehalten haben, werden auch heute das Maul halten.“ Und dann stellt sie die Frage des Abends: „Was haben Sie eigentlich getan?“

Bilges. 1989 haben die Redaktionsbeiräte des liberalen Verlagshauses Gruner + Jahr dagegen protestiert, daß Vorstandschef Gerd Schulte-Hillen ihnen diesen Mann als Chefredakteur für Projekte und Sonderaufgaben vor die Nase gesetzt hatte: „Hans-Erich Bilges erscheint uns völlig ungeeignet, unser Haus zu vertreten, schon gar nicht in herausragender Position. Er hat sich ausgewiesen als Hofberichterstatter der Bonner Regierung, als Steigbügelhalter und Stichwortgeber der Koalition, als simpellinientreuer Kommentator selbst bei so schockierenden Ereignissen wie der Katastophe von Tschernobyl oder der Affäre um den General Kießling. Er hat immer Ideologie über Sachargumente gestellt.“ Bilges war zuvor jahrelang der richtige Mann am richtigen Ort: Er war Politik-Chef von Bild, dann stellvertretender Chefredakteur von Bild am Sonntag.

Von all dem hatte Angelika Waller keine Ahnung, als sie den ihr unbekannten Bilges zurückfragte: „Was haben Sie eigentlich getan?“ Und dann hinzufügte: „Ich finde dieses Verhör unverschämt. Sie haben das Privileg, auf der richtigen Seite geboren zu sein.“ – Das sei es ja, was er meine, wand sich Bilges, man mißverstehe ihn. Ihn beschäftige ganz einfach nur: „Wie lebt man in einem System, in dem man vieles nicht tun kann, was man tun möchte? Es ist ja – in einer offenen Gesellschaft ist das anders.“ Da war die „Ost-Schauspielerin“ ratlos: „Ich weiß nicht, ob Sie alles tun können, was Sie möchten. Wenn Sie in einem öffentlichrechtlichen Sender sitzen, dürfen Sie auch nicht alles.“

Beim MDR darf er. Er ist so frei, daß er sich etwas später am Abend ein Opfer aussucht, das ihm nicht zusteht. Er fragte den anwesenden West-Generalbundesanwalt: „Haben Sie nicht manchmal Angst, den anderen Tag noch zu erleben?“ Der weigerte sich, Angst zu haben. Darauf bat Bilges, die vorbereiteten Bilder einzuspielen: Generalbundesanwalt Buback, ermordet in seinem Blut auf der Straßenkreuzung liegend. Bilges: „Wenn Sie das mal kommentieren würden, Herr Buback“ – und nach einer Pause, als er das gequälte Gelächter verarbeitet hatte –, „äh, Herr von Stahl.“

Immerhin, dem Redakteur der Sendung, Wolfgang Bremke, war die Abfuhr, die sein Moderatorengespann erlitten hatte, offenbar so peinlich, daß im Abspann der Sendung alle Namen der Teilnehmer verzeichnet waren, nur der eine nicht – Angelika Waller. So eine wie die darf es gar nicht geben. Otto Köhler