Die Waller: "Wovon reden Sie? Ich bin doch nicht ein nicht einfacher Mensch." Bilges: "Man konnte nicht reisen, man konnte nicht reden, was man wollte." Die Waller: "Natürlich konnte man reden, und ich habe auch früher geredet, so wie ich heute rede." Jetzt endlich – hoffte er – hatte Bilges sie dort, wo er sie haben wollte, die Waller als SED-privilegierte Staatsschauspielerin: "Konnten Sie früher tun, was Sie heute tun können, dann waren Sie erst recht –" Den Satz hätte er zu Ende führen müssen, leider fuhr die Waller etwas zu schnell dazwischen: "Ich konnte es nicht, aber ich habe es getan, und es konnte jeder andere auch. Entweder man hat Zivilcourage, oder man hat sie nicht. Und Leute, de früher was gesagt haben, werden auch heute was Sagen. Und die früher das Maul gehalten haben, werden auch heute das Maul halten." Und dann stellt sie die Frage des Abends: "Was haben Sie eigentlich getan?"

Bilges. 1989 haben die Redaktionsbeiräte des liberalen Verlagshauses Gruner + Jahr dagegen protestiert, daß Vorstandschef Gerd Schulte-Hillen ihnen diesen Mann als Chefredakteur für Projekte und Sonderaufgaben vor die Nase gesetzt hatte: "Hans-Erich Bilges erscheint uns völlig ungeeignet, unser Haus zu vertreten, schon gar nicht in herausragender Position. Er hat sich ausgewiesen als Hofberichterstatter der Bonner Regierung, als Steigbügelhalter und Stichwortgeber der Koalition, als simpellinientreuer Kommentator selbst bei so schockierenden Ereignissen wie der Katastophe von Tschernobyl oder der Affäre um den General Kießling. Er hat immer Ideologie über Sachargumente gestellt." Bilges war zuvor jahrelang der richtige Mann am richtigen Ort: Er war Politik-Chef von Bild, dann stellvertretender Chefredakteur von Bild am Sonntag.

Von all dem hatte Angelika Waller keine Ahnung, als sie den ihr unbekannten Bilges zurückfragte: "Was haben Sie eigentlich getan?" Und dann hinzufügte: "Ich finde dieses Verhör unverschämt. Sie haben das Privileg, auf der richtigen Seite geboren zu sein." – Das sei es ja, was er meine, wand sich Bilges, man mißverstehe ihn. Ihn beschäftige ganz einfach nur: "Wie lebt man in einem System, in dem man vieles nicht tun kann, was man tun möchte? Es ist ja – in einer offenen Gesellschaft ist das anders." Da war die "Ost-Schauspielerin" ratlos: "Ich weiß nicht, ob Sie alles tun können, was Sie möchten. Wenn Sie in einem öffentlichrechtlichen Sender sitzen, dürfen Sie auch nicht alles."

Beim MDR darf er. Er ist so frei, daß er sich etwas später am Abend ein Opfer aussucht, das ihm nicht zusteht. Er fragte den anwesenden West-Generalbundesanwalt: "Haben Sie nicht manchmal Angst, den anderen Tag noch zu erleben?" Der weigerte sich, Angst zu haben. Darauf bat Bilges, die vorbereiteten Bilder einzuspielen: Generalbundesanwalt Buback, ermordet in seinem Blut auf der Straßenkreuzung liegend. Bilges: "Wenn Sie das mal kommentieren würden, Herr Buback" – und nach einer Pause, als er das gequälte Gelächter verarbeitet hatte –, "äh, Herr von Stahl."

Immerhin, dem Redakteur der Sendung, Wolfgang Bremke, war die Abfuhr, die sein Moderatorengespann erlitten hatte, offenbar so peinlich, daß im Abspann der Sendung alle Namen der Teilnehmer verzeichnet waren, nur der eine nicht – Angelika Waller. So eine wie die darf es gar nicht geben. Otto Köhler