Von Ludwig Siegele

Schmeckt er nach Erdbeeren? Nach Bananen? Oder gar nach Veilchen? Für den Weinkenner ist die erste Degustation des Beaujolais nouveau, traditionell am dritten Donnerstag im November um Punkt null Uhr angesetzt, auch diesmal wieder spannend. Die Weinbauern wissen dagegen schon lange, wie sie den Jahrgang finden: ausgesprochen bitter. Denn der leichte Rotwein aus dem Rhônetal mag noch so dem Gaumen schmeicheln – für viele Winzer wird er ein Verlustgeschäft.

Da stehen sie nicht alleine. Ob im Anbaugebiet Bordeaux, in Burgund oder an der Loire – das Bild ist überall das gleiche: volle Lager und fallende Preise. Auch für die Qualitätsweine zwischen Rhein und Atlantik sind die goldenen achtziger Jahre nun endgültig vorbei. "Wenn die Amerikaner am 5. Dezember mit ihren Strafzöllen Ernst machen sollten", meint ein Branchenkenner, "dann trifft das viele französische Winzer wie den Katergeplagten ein Schlag auf den Kopf."

Die französischen Winzer sind paradoxerweise Opfer ihres eigenen Erfolges. Vor allem in den achtziger Jahren setzten viele der rund 463 000 viticulteurs auf Qualität statt auf Quantität: Noch 1980 machte der Wein der Klasse AOC (appellation d’origine contrôlée), der besonders streng überwacht wird, nur knapp ein Fünftel der Produktion aus. Heute sind es über ein Drittel der sechzig Millionen Hektoliter Rebensaft, die jährlich im Schnitt in Frankreich reifen.

Der Trend zum edlen Tropfen erwies sich als Treffer. Denn die Franzosen blieben ihrem vin de table bei weitem nicht so treu wie die Deutschen ihrem Bier: Noch 1967 tranken sie davon stolze 130 Liter pro Kopf – und nur mickrige sieben Liter Qualitätswein. Heute hat sich die erste Zahl halbiert und die zweite mehr als verdoppelt. Aber auch das Ausland orderte immer mehr Médoc, Chablis oder Saumur, insgesamt fast dreizehn Millionen Hektoliter Ende der achtziger Jahre.

Steigende Produktion, aber noch schneller steigende Nachfrage – da mußten auch die Preise anziehen. Und sie taten es kräftig. Der Bordeaux-Klassiker Mouton-Rothschild ist dafür ein gutes Beispiel: 1980 kostete eine Flasche noch knapp 25 Mark; zehn Jahre später waren es mehr als dreimal soviel. Zum enormen Anstieg trug bei, daß gute Weine immer mehr zu Spekulationsobjekten wurden. "Das war", berichtet Alain Favureau, Einkäufer beim Pariser Weinhaus Nicolas, "einfach nicht normal."

Jetzt ist in der französischen Weinwirtschaft wieder der Alltag eingezogen – und damit auch Katerstimmung: nach drei sehr guten Ernten Ende der achtziger Jahre ertrinken viele Winzer in ihrem Rebensaft. Und daran wird sich so schnell nichts ändern, auch wenn 1991 ein Frostjahr war: "Der Jahrgang 1992 hätte ebenfalls schwach sein müssen. Aber daraus wurde nichts", meint Favureau, "es gibt einfach noch zuviel guten Wein in den Kellern – und nicht genug Käufer."