Von Fritz Vorholz

Das stille Sterben begann in den dreißiger Jahren, bekam in den Sechzigern einen Schub, wurde in den siebziger Jahren per Kabinettsbeschluß tabuisiert, im November 1981 vom Spiegel popularisiert, bald darauf mit neuen Vorschriften bekämpft – und dennoch bis heute nicht gestoppt. Deshalb blieb dem Bonner Landwirtschaftsminister Ignaz Kiechle in der vergangenen Woche nichts anderes übrig, als neue Hiobsbotschaften zu verkünden: Nur noch ein knappes Drittel aller Bäume sind ohne Schaden, ein Ökosystem, das immerhin rund dreißig Prozent des deutschen Bodens bedeckt, löst sich auf.

So steht es im neuesten Rapport über die Zunahme der Waldschäden, von Bonn beschönigend Waldzustandsbericht tituliert. Das Papier dokumentiert die Chronik der politischen Ohnmacht: Laut Forschungsbeirat Waldsterben/Luftverunreinigung ist unbestritten, daß in dem komplizierten Wirkungsgefüge, das dem Wald den Garaus macht, dreckige Luft eine "Schlüsselrolle" spielt – Schwefeldioxid und Stickoxide aus Industrieschornsteinen und Kraftwerksschloten, aus Hauskaminen und aus Auspuffrohren. Weil aber der Schmutz immer dann entsteht, wenn Kohle, Erdöl oder Erdgas verbrannt werden, hilft letzten Endes, so der Münchner Forstbotaniker Peter Schütt, nur eins: Energiesparen, "und das konsequent und jeder einzeln". Doch genau das wollte Bonn bisher den Wählern nicht zumuten.

Während also Minister Kiechle vor Journalisten über den erbärmlichen Zustand des Forstes klagte, während Öko-Aktivisten der Gruppe Robin Wood gegen die Betonpolitik von Kiechles Kabinettskollegen, Verkehrsminister Günther Krause, demonstrierten, war wohl allen um den Wald Besorgten eine Botschaft entgangen, die eigentlich wie eine Bombe hätte einschlagen müssen. Es sei nämlich "Selbstbetrug" mit der Folge von "Wohlstands- und Wachstumsverlusten", hatte Wirtschaftsminister Jürgen Möllemann zwei Tage vorher verlautbart, wenn Unternehmen und Konsumenten von der Verantwortung für die schädlichen Folgen der Energienutzung freigestellt würden. Im Klartext sagte Möllemann damit, was Umweltschützer schon seit langem fordern: Der Energieverbrauch muß drastisch sinken, Energie muß teurer werden. Wie dramatisch sich dem Minister der Umgang mit dem vermeintlichen Lebenselixier der Industriegesellschaft darstellt, verdeutlicht dieser Vergleich: "Der Zusammenbruch der osteuropäischen Volkswirtschaften zeigt die Folgen, wenn man die Kosten-Preis-Signale einfach abstellt oder verfälscht."

Anlaß für solch ungewohnt klare Worte gab Möllemann, der bisher vergeblich gegen das Image des Öko-Bremsers kämpfte, eine fast 400 Seiten starke Expertise des Baseler Prognos-Instituts. In diesem aus Steuergeldern bezahlten Gutachten gehen die Wissenschaftler so hart wie kaum jemand zuvor mit der deutschen Energiewirtschaft und der Energiepolitik ins Gericht. Der gegenwärtige Umgang mit Energie, so Prognos, ist "ganz und gar unakzeptabel", die Situation "heillos": Ob Waldsterben, Gesundheitsschäden, Ölpest, Atomunfälle oder Treibhauseffekt – erstens seien die von energiebedingten Umweltschäden Betroffenen "Opfer eines verdeckten kollektiven Enteignungsprozesses". Zweitens lebten die Energiekonsumenten von heute "auf Kosten künftiger Generationen". Beides zusammen schließlich treffe, drittens, "den Kern des Effizienzanspruchs einer Marktwirtschaft". Hinter diesem Ökonomenjargon steckt nicht weniger als der Alarmruf: Die Marktwirtschaft funktioniert nicht mehr. Schlußfolgerung: "Es ist ein sofortiger und drastischer Handlungsbedarf gegeben."

So dramatisch erscheint den Forschern die Lage, daß sie selbst vor unpopulärsten Forderungen wie der Rationierung von Benzin nicht zurückschrecken. "Klassische" Schadstoffe wie Schwefelverbindungen und Stickoxide sollen durch schärfere Grenzwerte bekämpft, der Energieverbrauch insgesamt durch eine Steuer vermindert werden. Um die weltweite Klimakatastrophe noch abzuwenden, soll schließlich jedem Land in Zukunft nur noch eine Höchstmenge an treibhausträchtigen Emissionen zustehen. "Jetzt nicht zu handeln", so Prognos-Forscher Klaus P. Masuhr, "bedeutet die Fortsetzung einer gigantischen Mißwirtschaft."

Das mutet wie die Heilsbotschaft von Radikalökologen an und ist dennoch das Resultat nüchterner ökonomischer Analyse. Die Baseler Forscher haben nämlich nichts anderes getan, als den gesellschaftlichen Umgang mit Energie mit den Erkenntnissen zu konfrontieren, die der englische Theoretiker Arthur Cecil Pigou bereits 1920 hatte. Pigou machte sich über den heute exotisch anmutenden Vorgang Gedanken, daß durch den Funkenflug von Lokomotiven an die Bahnlinie angrenzende Felder in Brand gesteckt werden. Er identifizierte diesen Schaden als Kostenfaktor, der nicht in dem Kalkül des Verursachers, der Eisenbahngesellschaft, berücksichtigt werde. Seine Schlußfolgerung: Verursacht eine ökonomische Aktivität solche "externen Kosten", bleibt ihr sozialer Nutzen stets hinter ihrem privaten Nutzen zurück. Um dennoch das Maximum an gesellschaftlichen Wohlfahrt zu erreichen, müsse der Staat solche Kostengrößen ihren Verursachern anlasten, sie "internalisieren".