RTLplus, dienstags: "Zoro"

Bei "Zorc" ist Primitivität Programm. Hier wird der Firnis der Zivilisation mit Wonne abgeschüttelt, werden Höflichkeit, Beredsamkeit und Feinsinn unterm Fußtritt des Primaten, der gerade erst zur Zweibeinigkeit erwacht ist, eingestampft. Klaus Löwitsch spielt den Halbaffen, der so heißt wie ein Schrei aus dem Dschungel, unter Aufbietung letzter Konsequenz: Er ist nie gewaschen, nicht mal wenn er zur Äffin geht, er ist nie im Zweifel, nicht mal wenn das Szenario jeden Zusammenhang vermissen läßt, und er agiert als animalisches Reflexbündel: schnell, brutal, sinnlich und versoffen. Ein Gegner kann, nachdem Zorc mit ihm nicht einig wurde, nur noch aufschreien: "Er hat auf meinen Schreibtisch gepißt."

Warum nicht. Warum soll der Held einer Action-Serie (RTL-Eigenproduktion) nach all den melancholischen Privatdetektiven und abgearbeiteten Kriminalkommissaren nicht mal ein Ex-Fremdenlegionär sein, der im Sold eines Privatmanns Gangster jagt und sich bei diesem Job zuvörderst auf seinen Instinkt und seine Qualifikation: Zuschlagen, Schnellersein, Siegen, verläßt? Zumal der Gorilla wie durch ein Wunder im Gestrüpp der Unterwelt stets die richtige Seite findet und – Rambo läßt grüßen – gleichsam im Auftrag einer höheren Gerechtigkeit dem Gesocks einen kurzen Prozeß macht. Der wortkarge Rächer, der an Polizei und Gericht – Quatschbuden auch sie – vorbei für Ordnung sorgt, entspricht – als Figur, als Idee – offenbar einem tieferen Bedürfnis des zivilisierten Zeitgenossen, dem die Mühlen der irdischen Justiz stets zu langsam mahlen: Primitivität als Genuß und Entlastung.

Ja, man sollte die Sehnsucht des Publikums nach dieser – ich zögere nicht zu sagen: weltlichen Erlösergestalt respektieren und, anstatt sich affektiert von der Haudrauf-und-Schluß-Figur der Film- und Fernseh-Geschichte abzuwenden, lieber die poetischen Dimensionen herauskitzeln, die in ihr stecken. Arnold Schwarzenegger hat im "Terminator II" dazu jüngst den letzten Schrei getan und den größten Coup gelandet.

Der Rächer des Klaus Löwitsch (Idee und Stoff: Klaus Löwitsch) ist nicht auf Poesie angelegt – worin gerade das Poetische liegen könnte. Zorc verunglückt aber leider zum Dolf Lundgren für Arme, weil er die drei Essentials, die dieser Figur seit Schwarzenegger eignen müssen, nicht mitbringt: Selbstironie, Vitalität und Sex-Appeal. Löwitsch nimmt seine Zorc-Kiste lächerlich ernst. Zudem ist diese Type bis zum Lebens- und Selbstüberdruß cool. Sie schlingert wie ein Roboter im Tierfell durch ihr Sündenbabel, stiert dumpf ins Getümmel, erspäht den Feind, schlägt zu. Reiz – Reaktion – Finito. Das ist von schon heroischer Langeweile.

Warum ferner keine Erotik aufkommt, wenn der Legionär mit seiner Partnerin, einer sprechenden Schaufensterpuppe, die sich als Journalistin ausgibt, vor den Bösen türmt: Ich weiß es auch nicht. Der tierische Zuschnitt dieser Figur ist nicht der Grund, im Gegenteil: King Kong war sexy. Bei Zorc aber denkt man nur: Hoffentlich kriegt die Kleine neben ihm ’ne Schmuddelzulage. Und die harten Nutten-Nummern, die Zorc jede Folge schiebt – Bordellchefin: "Wenn du aus dem Weg bist, würden wir vielleicht alle etwas Schlaf kriegen" –, retten nichts. Ein Rächer braucht Charisma. Löwitsch hat nur Dackelfalten. Barbara Sichtermann