Das Novemberheft der Kulturzeitschrift Merian enthält ein vierseitiges Gespräch mit dem Mann, ohne dessen Politik es womöglich die Perestrojka in der Sowjetunion nicht gegeben hätte: Alexander Dubček steht Rede und Antwort – letztmals gibt der Promotor des Prager Frühlings, den die Militärs der Warschauer-Vertrags-Staaten brutal beendeten, Auskunft über sein Land.

Aus diesem Gespräch ist unter anderem der bislang unbekannte Umstand zu erfahren, daß der sowjetische Botschafter am Vorabend des Einmarsches die US-amerikanische Botschaft sehr wohl über das militärische Vorgehen wider die sozialistische Reformbewegung informierte. Dennoch fuhr US-Präsident Lyndon B. Johnson "unbeirrt nach Camp David ins Wochenende". Unerwartet wurde so aus dem Interview ein Zeitdokument. Alexander Dubček, Parlamentspräsident der gewendeten Tschechoslowakei seit 1989, dann Mitglied der Sozialdemokratischen Partei seines Landes, starb am 7. November an den Folgen eines Autounfalls.

Das Heft, welches ursprünglich der Tschechoslowakei gewidmet werden sollte, inzwischen aber lakonisch als Reverenz an die ungewisse staatliche Zukunft des Landes "Prag, Böhmen, Mähren, Slowakei" betitelt ist, bietet darüber hinaus lesenswerte Beiträge über den "Bindestrich-Krieg" ("Oder als wir plötzlich Tschecho- wurden"), den tschechischen Architekturkubismus, die eher verschlafene Slowakei ("Wo wir wilden Kerle wohnen") und enthält natürlich eine Hommage an den Dichter als Präsidenten: Václav Havel.

Das im Editorial skizzierte Unterfangen, etwas von der "Aufbruchstimmung im Land" einfangen zu wollen, darf als gelungen bezeichnet werden. Nicht nur das Duböek-Gespräch, das gesamte Heft liest sich gelegentlich spannender als ein Krimi. Mehr darf nicht erwartet werden. JaF

  • Merian: Prag. Böhmen. Mähren. Slowakei

Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1992; 168 S., Abb., 14,80 DM