Von Christoph Bertram

Wer will noch die Waffenruhen zählen, die in Sarajevo unterzeichnet wurden? Gebrochen wurden sie alle.

Das gilt auch für den Waffenstillstand, der am Donnerstag der vergangenen Woche in Kraft trat. Zuvor noch hatte der Befehlshaber der Uno-Truppen in Bosnien-Herzegowina, der französische General Philippe Morillon, von einem "historischen Treffen" gesprochen. Die Vertreter der Weltorganisation hatten sich gegenseitig Mut gemacht: "Das ist, soweit ich weiß, das erste Mal, daß wir alle drei Gruppen zur Unterschrift unter eine Waffenstillstandsvereinbarung zusammenbrachten", kommentierte ein Uno-Sprecher. Früher hätten die rivalisierenden Militärführer der Serben, Kroaten und Moslems Waffenruhen lediglich durch verbale Zustimmung oder den Austausch von Briefen vereinbart.

Inzwischen wissen die Uno und die Welt, daß Unterschiede der Förmlichkeit offenbar dort nicht ins Gewicht fallen, wo alle anderen Regeln menschlichen Zusammenlebens längst zu blutiger Makulatur geworden sind. Zwei Tage nach der feierlichen Unterzeichnung beschuldigte die Weltorganisation die bosnischen Serben der "flagranten Verletzung". Sie konnte sich diesmal sogar auf eigene Augenzeugen stützen; seit Anfang November sind die ersten der zusätzlichen 7000 UN-Blauhelme in dem unglücklichen Lande eingetroffen. Und auch wenn ihr Auftrag es ihnen verbietet, in die Kämpfe einzugreifen, können sie doch wenigstens besser beobachten.

Seit Ende Juni 1991 wird im zerbröselnden Vielvölkerstaat Jugoslawien gekämpft. Slowenien, die nicht nur geographisch westlichste Republik, wurde rasch von der Jugoslawischen Volksarmee geräumt; eine serbische Minderheit, die es zu schützen gegeben hätte, war dort nicht vorhanden. Kroatien dagegen kam nicht so leicht davon. Erst als ein Drittel des kroatischen Territoriums unter serbischer Kontrolle stand, willigte Belgrad in einen Waffenstillstand ein, der seit April 1992 von rund 15 000 UN-Soldaten überwacht wird. Das serbische Siedlungsgebiet in der Kraina – im südöstlichen Teil Kroatiens an der Grenze zu Bosnien-Herzegowina gelegen – blieb damit in serbischer Hand. Aber zugleich handelte sich Belgrad damit das Problem ein, das seither sein strategisches Dilemma ausmacht: Wie kann diese serbische Enklave auf kroatischem Gebiet auf Dauer gehalten werden?

Seit Mai 1992 tobt der Krieg in Bosnien-Herzegowina. Die serbische Strategie ist dabei denkbar einfach: Um auch die Landsleute in der Kraina in das neue Groß-Serbien einzubeziehen, muß eine solide Landverbindung zwischen diesem Gebiet und Serbien geschaffen werden – über bosnisches Territorium. Da aber die Serben in Bosnien-Herzegowina nur ein knappes Drittel der Bevölkerung ausmachen, läßt sich dieses Ziel nur erreichen, wenn andere Bevölkerungsgruppen vertrieben werden.

Die Karte auf dieser Seite zeigt den aktuellen Frontverlauf in Bosnien-Herzegowina. Rund siebzig Prozent dieses im April 1992 völkerrechtlich anerkannten Staates sind inzwischen in serbischer Hand. Die "Landbrücke" zwischen Mutterland und Kraina jedoch steht immer noch nicht. Im Norden verhindern kroatisch-moslemische Einheiten den serbischen Durchbruch. Im Westen blockiert die moslemische Hochburg um Bihać die Verbindung Serbiens zur Kraina.