I m Alter von 83 Jahren ist Carlo Giulio Argan gestorben. Die allgemeine Öffentlichkeit hat von ihm 1976 gehört, als er, der Protestant, von den italienischen Kommunisten als Bürgermeister von Rom durchgesetzt wurde und sich für kurze Zeit die Hoffnung ausbreitete, die Administration der italienischen Hauptstadt könne den letalen Angriff der Autoabgase auf die Baudenkmäler vielleicht doch noch abwehren.

Das deutsche Kunstpublikum hat ihn als Mitherausgeber der "Propyläen Kunstgeschichte" in Erinnerung, für die er auch den Band zur Kunst des 20. Jahrhunderts bearbeitete. Daß er ihr weithin die Eigenschaft, Kunst zu sein, aberkannte, kam fast dem Ausruf eines Verlustes der Mitte von links gleich.

Argan war neben Roberto Salvini einer der wenigen italienischen Kunstgelehrten, die sich methodisch und theoretisch an der deutschen Kunstgeschichte orientierten. Fachlich lag ihm wohl die Architektur am nächsten; der Stadtarchitektur ist eines seiner letzten ins Deutsche übersetzten Bücher gewidmet. Er hatte innerhalb der Bürokratie des faschistischen Staates, wo er im Erziehungsministerium die Museen zu betreuen hatte, wohl jene Tendenzen vertreten, die einer ästhetischen Moderne offen waren und die Architektur auf einem erträglichen Niveau zu halten suchte. Die Nähe zur rationalen Moderne hat ihn befähigt, 1951 eines der ersten Bücher über Gropius und das Bauhaus zu schreiben. In Rowohlts Deutscher Enzyklopädie, für die es 1962 bearbeitet und übersetzt wurde, war es neben Pevsners "Wegbereiter der modernen Form" das greifbarste und beste Buch, das einer Nachkriegsgeneration über das Bauhaus erschwinglich war.

Als Rationalist und seit dem Jahre 1959 außerordentlich erfolgreicher Professor für moderne Kunst in Rom war er sensibilisiert für Rhetorik: In einem Münchener Vortrag hat er 1955 eine ganze Forschungsrichtung in Gang gesetzt, indem er die barocke Architektur als rhetorische Veranstaltung deutete, die mit "Überredung" das abdriftende Glaubensvolk bei der Stange zu halten suchte. So hat er immer wieder neue Impulse gegeben, als Verteidiger gefährdeter Kunstwerke, als Herausgeber von Zeitschriften und Reihen, als Verfasser von Büchern und Pamphleten, unter denen "Progetto e destino" von 1965 zu den eindringlichsten zeitgeschichtlichen Reflexionen im Nachkriegsitalien gezählt wird. In der Anschauung und in der Praxis löste sich manche dogmatische Steifheit in elegante Bewegung und wirkungsvollen Anstoß auf. Martin Warnke