Jeder kennt sie, diese Schauerbilder, die uns die Umweltforscher vorhalten. Plastikcontainer, die sich bis zum Himmel türmen, aufeinandergestapelte Telephonbücher, aus denen man ein zweites Manhattan bauen könnte. Und erst die Wegwerfwindeln! Der globale Jahresverbrauch würde aneinandergereiht einmal um die Erde reichen. Oder war es bis zum Mond? Egal – jedenfalls sind dies die großen Schurken der Ökokatastrophe, während andere, wie Zeitungspapier beispielsweise, sich ordentlich benehmen. Geduldig verrottet es auf dem Boden der Müllhalde, da, wo auch Karotten und Salatblätter, verschmähte Steaks und Käserinden wieder zur Mutter Erde zurückkehren.

Leider sind dies schöne Illusionen oder besser: Öko-Mythen, meinte der Anthropologe William Rathje in seinem neuen Buch "Rubbish! The Archaeology of Garbage" (Harper & Collins, New York 1992). "Rubbish!" wirft einen hellen Lichtstrahl auf die dunkle Welt des Abfalls und der Müllkippen – ein übelriechendes Reich, in das sich bislang kaum einer der Experten, die dazu so viel zu sagen haben, selbst bemüht hat. Rathje hingegen hat gar keine Berührungsängste: Schließlich ist der Professor Leiter des garbage project der Universität von Arizona. "Um Müll richtig zu verstehen", schreibt Rathje, "muß man ihn berühren, ihn fühlen, ihn sortieren, ihn riechen." Von Kollegen belächelt und vom Publikum verspottet, hat sich Rathjes Müll-Team seit 1973 durch 250 000 Pfund Abfall hindurchgewühlt, vom einfachen Haushaltmüll von Tucson, Arizona, bis zu den hochaufragenden Müllbergen an der Ostküste. Das Katalogisieren von Müll stellt für Rathje eine legitime Kulturanalyse dar und muß ebenso als Archäologie bezeichnet werden wie die Entdeckung von Troja. Von unerwarteter Seite wurde ihm dabei Schützenhilfe zuteil: Seit 1975 führt das "Oxford English Dictionary" den Begriff garbology. ("Studium von Müll, Abfall und Überresten").

Ein passionierter "Garbologe" wühlt sich, so Rathje, "durch die Reste von Tausenden von Tellern: durch Nudeln, Cornflakes, Tortillas, Reste von Katzenfutter, die in ihrer eigenen Sauce marinieren, durch verkrustete, marmeladengefüllte Doughnuts, die rot aus Seitenwunden bluten, durch halbgegessene Bananen, schwarz und unvergleichlich süß ... und durch zerbrechliche Beinhäuser aus Hühnerknochen ..." Professor Rathje gewinnt dem übelriechenden Sujet poetische Seiten ab. "Abfall", so schwärmt er, "gehört zu unseren reichhaltigsten materiellen Hinterlassenschaften. Wenn es uns gelingt, unser Weggeworfenes zu verstehen, werden wir die Welt auch besser verstehen."

Mit einigen Unrat-Mythen kann Rathje aufräumen: Wegwerfwindeln, Plastik- und Schaumprodukte, die als Umweltfeinde Nummer eins gelten, machen nur drei Prozent des Müllberges aus. Papier dagegen – vor allem Zeitungspapier – ist neben dem Baumüll ein ernstzunehmender Umweltschädling: Es besetzt vierzig Prozent und weigert sich standfest zu verrotten. Organische Substanzen, die sich in unserem Komposthaufen so bequem in Humus verwandeln, tun dies in der eng zusammengedrückten Kippe leider nicht – eine Fundgrube für den Unrat-Forscher, der mumifizierte Hot dogs und gelegentlich einen noch frischen Salatkopf zutage fördern kann. Rathjes eindrucksvollster Fund: eine perfekt erhaltene Portion Guacamole (Avocado-Mus), die er kürzlich noch jungfräulich-frisch neben einer Zeitung von 1967 entdeckte.

Von einer "Müllkrise" kann, so Rathje, gar keine Rede sein. Entgegen allen Vermutungen ermittelte nämlich sein Team, daß die Müllmassen in den USA nicht etwa wachsen, sondern sich stabil eingependelt haben. Müll, so Rathje, ist eine lösbare Aufgabe, ebenso wie Straßenreinigung oder Kanalisation.

"Zeig mir deinen Müll, und ich sage dir, wer du bist" – unter dieser Parole schickten Zeitschriften wie Esquire in den sechziger Jahren Müll-Spione los, um die Untiefen des Privatlebens von Prominenten auszuloten. Sie wühlten nächtens durch Abfalltonnen und Plastiksäcke und kamen mit so aufregenden Fundstücken wie Bob Dylans Einkaufszettel und leeren Pillenschachteln von Henry Kissinger zurück. Ein klarer Beweis, so Rathje, daß der Müll von Individuen relativ uninteressant, der einer ganzen Gesellschaft dagegen eine Fundgrube darstellt. "Müll wird erst richtig lebendig und nützlich", sagt Rathje, "wenn er innerhalb größerer Zusammenhänge gesehen wird."

Und noch wichtiger: Müll lügt nicht. Rathje fand in den zwanzig Jahren garbology faszinierende Diskrepanzen zwischen dem, was wir über unser eigenes Verhalten aussagen, und dem, was unser Müll erzählt. Mütter, die schworen, daß sie Babynahrung selber kochten, wurden durch Batterien leerer Babygläschen Lügen gestraft. Alle Befragten beteuerten in Interviews, ausschließlich frisches Gemüse zu essen und kaum Alkohol zu trinken. Der Müll erzählte das Gegenteil.

Vera Graaf