Von Michael Schwelien

Tirana

Der graue Wintermantel schlottert von den schmalen Schultern. Sein russisches Gewehr ist ungeladen. Die Mütze mit dem albanischen Adler an der Stelle, wo früher der rote Stern prangte, sitzt so tief auf dem schmalen Kopf, daß seine Ohren weit abstehen. Der Rekrut ist schlecht gerüstet und völlig verschüchtert. Obwohl ihm sein Offizier zugenickt hatte, er solle ruhig auf unsere Frage – wer ist der Feind? – antworten, wagt er kaum den Mund zu öffnen. Mit zittrigem Flüstern bringt er hervor: "Jeder, der unsere Grenzen verletzt."

So hat er es gelernt. Albaniens offizielle Haltung zum Kosovo-Konflikt entspricht der Politik der EG und der Amerikaner: Den albanischen Brüdern jenseits der Grenze soll ein besonderer Autonomiestatus zugestanden werden, Kosovo aber ein Teil Serbiens bleiben. Die wahre Gemütslage der Albaner ist jedoch anders. "Serbien ist der Feind", stößt der Nebenmann des schmächtigen Rekruten hervor. "Serbien", murmelt ein Dritter. Und nun weiß plötzlich auch der Spieß, weshalb er das armselige Häuflein an der Grenze durch den Dreck robben und Karabiner anlegen läßt: "Wegen der Serben."

Das Gebirge ist schroff, und gut sechs Stunden dauert die Fahrt von Tirana nach Kukes. Der Chef der Gebirgsdivision Asim Vokshi in Kukes, Oberstleutnant Han Deda, weiß, daß seine Probleme überwältigend sind. In Bosnien haben die Serben ihre Kriegsziele weitgehend erreicht. Wenn sie dem bisherigen Muster zur Schaffung Großserbiens folgen, dann dürften sie binnen kürzester Zeit ihre Aufmerksamkeit auf das Kosovo lenken. Jenseits der Grenzpässe öffnet sich das Kosovo Polje, das Amselfeld, wo im Jahr 1389 das serbische Ritterheer von Türkenhand verblutete. Den Ort verehren die Serben als nationales Heiligtum, und das Kosovo mit seinen bedeutenden serbisch-orthodoxen Klöstern gilt ihnen als Wiege ihrer Kultur und Nation. Hier, wo inzwischen zu neunzig Prozent albanische Muslime wohnen, könnten die Serben die "ethnische Säuberung" fortsetzen. Im Mai haben die Kosovo-Albaner trotz der serbischen Notstandsgesetze ihre eigene Republik ausgerufen. Die Serben hingegen verlangen den Albanern dort Loyalitätseide ab. Höchste Gefahr also.

Oberstleutnant Deda kennt noch andere Einzelheiten. Grenzgänger und der Generalstab in Tirana haben ihm berichtet, daß die Jugoslawische Volksarmee auf der anderen Seite der Grenze in Alarmbereitschaft steht. Die Stäbe sind von den Kasernen ins Feld verlegt worden. Vor dem Sektor, den Deda mit seiner Division von nur tausend Mann zu sichern hat, liegen zwei jugoslawische Panzerbrigaden und sieben Einheiten der Infanterie. Neue Soldaten rücken aus Bosnien und Mazedonien nach, dazukommen Flugzeuge – eine übermächtige Streitkraft.

Ein Zwischenfall hier in den kargen Bergen wäre der Anfang eines Flächenbrandes. Im Juni erst unterzeichneten die Türken einen Wirtschafts- und Militärpakt mit Albanien. Papier ist geduldig, und der Vertrag hat bisher noch keine Folgen gezeigt. Aber der türkische Premier Süleyman Demirel hat dem albanischen Präsidenten Sali Berisha versprochen: "Wenn im Kosovo etwas passiert, dann stehen wir euch bei." Einem türkischen Eingriff wiederum würde Griechenland kaum tatenlos zusehen. Indes setzt auch Berisha auf die nationale Karte. Der einstige Leibarzt des legendären albanischen Führers und Stalinisten Enver Hodscha konnte seine Demokratische Partei im März vor allem deshalb zu einem so deutlichen Wahlsieg über die Sozialisten führen, weil er die Gefühle seiner Landsleute aufrührte. Die Kommunisten – sprich: die heutigen oppositionellen Sozialisten – hätten das Kosovo an Serbien "verkauft"; er, Berisha, werde den "nationalen Zusammenschluß" erwirken.