Von Regina Carstensen

Juwelen schätzt Lorelei Lee mehr als alles andere auf der Welt, sich selbst und das Leben eingeschlossen. Diamanten, so tiriliert sie, seien "A Girl’s Best Friend" – der Song samt Film ("Blondinen bevorzugt") hat die Männermeinung, daß Frauen nur das eine wollen, zur Komödie gemacht. Die Monroe aber tobte während der Dreharbeiten. Denn die Funkeleien, mit denen man sie für die Rolle der Lorelei Lee behängte, waren sichtlich Falschschmuck. Tand aus Straß.

Die Zuschauerinnen aus den weniger wohlbestallten Schichten störte das kaum. Für wenige Cent konnten sie von der Göttin des Sexus und des Films träumen, für ein paar Cent mehr in Billigkaufhäusern denselben blitzenden Talmi erstehen, um in ihrer Phantasie zumindest zur Halbgöttin eines Mannes zu werden. So wurden die Hollywood-Filme der fünfziger Jahre für die Hersteller von schönschnöden Fälschungen zum besten Werbeträger: Alles, was gepreßt, geformt, gefärbt und gefädelt werden konnte, diente als Rohmaterial für Imitationsschmuck.

Das Verlangen nach falschem Glamour und Glitzer ist älter. Eine der frühesten Talmi-Großkunden der Neuzeit war Königin Elisabeth I., die 1569 in Venedig 500 Perlen bestellte, von denen keine eine Auster zum Heim hatte. Zur Industrieware, zum "Opium der Massen", so die Metapher der englischen Expertin Vivienne Becker, entwickelte sich das Falschzeug jedoch erst um 1900. Damals kam die Bezeichnung "Modeschmuck" auf, dessen Geschichte jetzt eine Ausstellung im Kölner Museum für Angewandte Kunst präsentiert: emaillierte Hutnadeln im ägyptischen Revivalstil, wie sie etwa Königin Victoria in England populär machte; vielreihige Colliers aus falschen Perlen mit einem jugendstilig eingefaßten Stein aus Straß in der Mitte, mit denen die Frau des sozialdemokratischen Reichspräsidenten Ebert bei Empfängen brillierte; Broschen aus rhodiniertem Gußmetall mit Glascabochons in Blau und Rot aus den vierziger und Mobiles als Ohrhänger aus den fünfziger Jahren; die vielgestalten Hervorbringungen unter Einfluß von Pop- und Op-Art bis hin zu der berühmten Eidechsen-Brosche aus Straßbrillanten von Butler & Wilson (England, ab 1986), die heute gleichermaßen das Kostüm von Karrierefrauen und Verkäuferinnen ziert.

Der wohl talentierteste der frühen Gestalter von Modeschmuck war der Pariser René Lalique, die bekannteste Trägerin seiner Kreationen die Schauspielerin Sarah Bernhardt. Sie liebte Laliques Haarkämme mit den wie ohnmächtig dahinsinkenden Frauengestalten und seine Gürtelschnallen, deren Gravuren an die Liniengespinste von Wasserpflanzen erinnern. Diese articles de Bohème, wie die halbedlen Stücke der Demimonde genannt wurden, sollten die Frauen dekorieren, sie für die Männer aus den vergoldeten Randbezirken der Gesellschaft genauso unentbehrlich erscheinen lassen wie Herrenhäuser, Autos und Rennpferde.

Erst Elsa Schiaparelli und Coco Chanel, die beide in den zwanziger Jahren ihre Pariser Modehäuser eröffneten, forderten die Frauen auf, selbstbewußt zur Unechtheit ihrer Perlen- und Kristallkaskaden zu stehen. Die "Italienne", wie die zur Stutenbissigkeit neigende Chanel ihre in Rom geborene Konkurrentin nannte, clippte den Damen, die Vogue und Harpers Bazaar lasen, rosa bemalte Rollschuhe an den Kragen und Sonnen aus Zelluloid ans Ohr.

Coco, die sich selbst lassomäßig mit einem Mix aus echten und falschen Perlen zu umwinden pflegte, antwortete mit elfenbeinartigen emaillierten Armreifen oder einer dreigliederigen Brosche, deren Teile auch einzeln getragen werden können. Vornehmlich die amerikanische, aber auch der Rest der Frauenwelt begeisterte sich für die Bijoux de Couture, wie Coco Chanel ihren Modeschmuck nannte. Über den Triumphzug des Straß schrieb 1930 die Chicago Daily Tribune: "Unechte Diamanten, deren Reinheit und Feuer etwas Magisches haben", seien etwas für diejenigen, "die gerne ein gesundes Gleichgewicht zwischen ihrem Bankkonto und ihrem Appetit auf Schmuck sehen möchten".