Bogotá

Die Photos glänzen noch und sind doch schon verblaßt: Sie zeigen junge Männer, wie sie Gewehre, Handgranaten und Pistolen aufstapeln, als wären es Brennholzscheite. "Das bin ich", zeigt Jorge Restrepo auf einen lachenden Burschen im Räuberzivil der Guerillas. Aber zwei Jahre nach der Demobilisierung hat Jorge die Hoffnung begraben, endlich sein Ingenieurstudium beenden zu können. "Man hat uns falsche Versprechungen gemacht", erzählt er mit bitterer Miene. "Keiner meiner Kameraden hat den Absprung ins Zivilleben geschafft. Wir hängen alle herum, viele sind in die Sierra zurückgegangen oder haben sich den ‚Volksmilizen‘ angeschlossen. Ich weiß nicht, was ich machen soll."

Das Schicksal von Jorge Restrepo teilen in Kolumbien viele ehemalige Untergrundkämpfer. Die Ausnahme von der Regel verkörpert Antonio Navarro Wolff: Der heutige Gesundheitsminister hatte noch vor drei Jahren als Comandante mit der Maschinenpistole auf "das System" gezielt. Heute gilt er als kommender Mann Kolumbiens. Navarro Wolff hat den Absprung geschafft – und mit ihm viele Kameraden von M-19, jener einstigen Guerillatruppe, die jetzt als politische Partei mit friedlichen Mitteln um Wählerstimmen kämpft.

Diesem Beispiel, so hatte danach die Regierung in Bogotá gehofft, würden die anderen Partisanengruppen nach zähen Friedensverhandlungen folgen. Aber nur 3500 Untergrundkämpfer aus drei weiteren Gruppen legten Anfang 1991 die Waffen nieder. Und die meisten von ihnen fanden, wie Jorge Restrepo, nicht den Weg zurück in ein ziviles Leben. Die 3,8 Milliarden Pesos für die berufliche Integration und Ansiedlung der ehemaligen Partisanen versickerten in den Taschen der Resozialisierungsbeamten.

Die Radikalen unter den kolumbianischen Rebellen – die Coordinadora Guerillera Simón Bolívar, die nationalistischen marquetalios in der FARC, die Frente Domingo Lain der maoistischen ELN mit dem Expriester Manuel Pérez an der Spitze – wollen nichts vom Frieden wissen: "Der Kampf geht weiter." Mit etwa 10 000 Mann unter Waffen ziehen, sie in fast allen Provinzen gegen den Staat zu Felde. Ihre Anschläge und Attentate zwangen jetzt Kolumbiens Präsidenten Cesar Gaviria, einen dreimonatigen Ausnahmezustand über das Land zu verhängen.

Doch die Behörden scheinen machtlos, die wachsende Gewalt wenigstens einzudämmen. Im Südosten, bei der Stadt Neiva, jagten vierzig Guerilleros die Ölraffinerie in die Luft; im Westen, in Antioquia, attackierten die Untergrundkämpfer einen Polizeiposten; im Norden, in Santander, blockierten sie einen Tag lang die Straße nach Bucaramanga; im Westen, im Amazonastiefland bei Puerta Gaitä, rieben sie sogar einen Zug des Antiterrorkommandos auf. Und in der Hauptstadt Bogotä gingen kürzlich binnen einer Nacht zwanzig Busse in Flammen auf.