Von Robin Detje

In den Städten Aufruhr, auf dem Lande Zwietracht, in den Palästen Verrat. Verwüstet ist die Schräge, die die Welt bedeutet, übersät mit zersplitterten Vorhangschienen, Blechpanzern, Zeitungen, Holzwolle, Bettfedern, Theaterblut und Kohl. Drei Verrückte sitzen zu Gericht über ein Schnitzel: der irre gewordene König, der Narr und der enterbte Edelmann. Die Königstochter liest Solschenyzin, aber niemand hört zu. Das Leben – ein Schneesturm. Das war "König Lear", inszeniert von Frank Castorf, dem neuen Intendanten der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Ganz zum Schluß trat der Narr zwischen die Zuschauer und sprach von einer Zeit, in der Deutschland zur Richtschnur der Nationen würde. Im Foyer begann ein seltsames, in grünes Licht getauchtes Fest. Die Schauspieler verließen wie an Schnüren gezogen ihr Publikum und gingen tanzen.

Berlin im Herbst 1992. Ebenfalls in diesen Tagen treffen sich 300 000 Menschen am Lustgarten, und ein Polizist schießt dreimal in die Luft. Widerwillig stiehlt sich der Bundeskanzler für ein paar hundert Meter an die Spitze einer Demonstration, die er nie gewollt hat, und spricht nachher vom "Pöbel", der die Straßen bevölkert und alle umfaßt, die gegen ihn sind. "Der König", sagt der Graf von Gloster, "weicht aus dem Gleise der Natur, da ist Vater gegen Kind. Wir haben", sagt er, "das Beste unserer Zeit gesehen."

Berlin im Herbst 1992. Man kann die Stadt nicht mehr besuchen ohne das Gefühl, auf einem Karussell zu sitzen, das sich immer schneller dreht. Ein Hauch von Verhängnis weht durch die Straßen, Angst vor dem Verhängnis und Lust an der Angst.

Fünf Premieren in vier Wochen hat die Volksbühne zum Beginn der Intendanz Castorf erlebt, drei inszeniert vom Hausherrn selbst, zwei von Andreas Kriegenburg, eingezwängt zwischen die Schicksalsdaten 7. Oktober (Gründung der DDR) und 9. November (Reichspogromnacht, Maueröffnung). Deutschland also, so schien es, und kein Entkommen.

Rote oder weiße Banner wehten zwischen den monumentalen Säulen des "Panzerkreuzers" Volksbühne auf dem Prenzlauer Berg. Stoppt die Pogrome! stand auf jeder Seite des Einheits-Programmmhefts zu lesen, neben bunt gemischten Texten von Goebbels oder Theweleit, Horkheimer oder flanzendörfer, Virilio oder Paul Scheerbart: "Murx den Europäer! / Murx ihn! / Murx ihn! Murx ihn / Murx ihn ab!" Im "Grünen Salon" sollte "Offenbarung" spielen, die Beleuchterband; Nachtrock und Nachtvideos wurden wochenends im "Roten Salon" versprochen, einmalige Ereignisse, "für diesen einen Abend erarbeitet, behauptet oder zusammengerotzt". Starke Worte. Mit aufgekrempelten Ärmeln erwartete das Theater sein Publikum.

Auf "Lear" folgte Lew Lunz, die "Stadt der Gerechtigkeit", ein allegorisches Drama, eine hitzig-lyrische Vorwegnahme des Scheiterns der Oktoberrevolution (das noch fast siebzig Jahre auf sich warten lassen sollte). 1924, kurz vor seinem Tod noch einmal aus einem Koma erwacht, hat der dreiundzwanzigjährige russisch-jüdische Romantiker Lunz das Stück in Hamburg fertiggestellt; 1992 hat Andreas Kriegenburg es in Berlin uraufgeführt und vernichtet.