Von Eberhard Rondholz

Europa "war in keiner Weise auf das vorbereitet, was sich in Jugoslawien gegenwärtig abspielt", konnte man am 18. Juni 1992 in der Weltwoche lesen. Und in der ZEIT hieß es in derselben Woche (19. Juni 1992): "Was auf dem Balkan geschieht.. ., konfrontiert uns mit einer archaischen Brutalität, die wir seit dem Mittelalter für untergegangen hielten." Dabei hätte man, vor allem in Deutschland, sehr wohl vorbereitet sein können auf diese "archaische Brutalität", und wissen können, wo sie ihren Ursprung hatte – nicht im Mittelalter, sondern in den vierziger Jahren dieses Jahrhunderts. Und es waren Deutsche, die Kroaten und Serben damals aufeinandergehetzt und jene Saat der Gewalt gelegt haben, deren Folgen sie jetzt mit Abscheu und Entsetzen zusehen.

Die deutsche Balkan-Okkupation ist bei uns immer noch eines der am besten verdrängten Kapitel der Geschichte des Zweiten Weltkriegs. So ist vielleicht auch die forsche Unbefangenheit zu erklären, mit der einige deutsche Polit-Strategen für eine militärische Intervention der Bundeswehr auf dem Balkan plädieren. Ihnen vor allem ist die Lektüre des sechsten Bandes der Dokumentenedition "Europa unterm Hakenkreuz" zu empfehlen, welcher der deutschen Okkupationspolitik in Süd- und Südosteuropa gewidmet ist. Die ersten fünf Bände der Reihe waren noch im Deutschen Verlag der Wissenschaften in der DDR erschienen. Daß die Reihe jetzt fortgesetzt werden kann, ist dem Bundesarchiv zu verdanken, das die Herausgeberschaft für das ehemalige DDR-Projekt übernommen hat.

365 Dokumente, überwiegend aus Beständen des ehemaligen Potsdamer Staatsarchivs und zum größten Teil bisher unveröffentlicht, hat Martin Seckendorf, bis 1990 als Historiker am Dokumentationszentrum der Staatlichen Archivverwaltung der DDR tätig, zusammengestellt; eine Einleitung führt durch die Aktenstücke und bietet zugleich eine Übersicht über vier Jahre faschistische Besatzungspolitik in Südosteuropa, über Terror, Massenmord und Ausplünderung. In ihrem aussichtslosen Versuch, den Widerstand in die Knie zu zwingen, machten die Besatzer Geiseln nieder, auch Frauen und Kinder. Das Buch erinnert an die furchtbaren Massenmorde, die Wehrmacht und Waffen-SS in Serbien und Griechenland verübten.

Erinnert wird aber auch an jene "ethnische Säuberung", die damals die kroatische Ustascha unter den wohlwollenden Blicken Hitlers und unter tätiger Mitwirkung eines Teils der katholischen Geistlichkeit durchführte – über eine halbe Million Serben, Juden und Roma wurden damals abgeschlachtet, im Zeichen von "Kreuz, Messer und Gewehr" (den Symbolen der Ustascha). Und als deutsche Kommandeure Einspruch erhoben, aus pragmatischen Erwägungen, gab Hitler Anweisung, die Ustascha gewähren zu lassen; das kroatische KZ-Personal hatte nicht umsonst seine Ausbildung in Deutschland erhalten. Wer also nach einer Erklärung sucht für jene Brutalität, mit der der Bürgerkrieg heute in Bosnien-Herzegowina geführt wird, muß in den vierziger Jahren danach suchen.

Allerdings, die Dokumente zeigen auch dies: Die Mehrheit des kroatischen Volkes stand damals nicht hinter der Ustascha und ihren Bundesgenossen in Kutte und Talar: Die "Bevölkerung steht nahezu restlos zu den Banditen und will von der ... Regierung nichts mehr wissen", konstatierte im Dezember 1943 besorgt ein deutscher Polizeikommandeur den Zulauf zu Titos Partisanen.

Auf serbischer Seite sah es ähnlich aus: Die (zumindest gegen Kriegsende) ebenfalls von den Deutschen geförderten Tschetniks des Draža Mihajlovic, die in den von ihnen kontrollierten Gebieten unter Kroaten und Moslems wüteten, vertraten ebenfalls nur eine Minderheit.