Von Uwe Jean Heuser

Nichts Genaues weiß man nicht: So ließe sich die Debatte darüber zusammenfassen, wer die geplante Pflegeversicherung finanziert – und vor allem wie das geschehen soll. Doch hartnäckig hält sich die Behauptung, daß die Wirtschaft um sechs bis sieben Milliarden Mark entlastet werden könnte, wenn die Deutschen auf einen bundesweiten Feiertag verzichten würden. Kaum einer weiß, wie die Rechnung entstanden ist, aber fast alle, die der neuen Versicherung den Pfingstmontag oder andere freie Tage opfern wollen, beziehen sich auf sie.

Bundesarbeitsminister Norbert Blüm (CDU) geht von dieser Schätzung aus, ebenso der sozialpolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, Julius Louven. Wirtschaftsminister Jürgen Möllemann (FDP), der die Pflegeversicherung im Umlageverfahren nach dem Blüm-Modell eigentlich gar nicht will, weiß es genauer: Nur sechs Milliarden bringe ein eingesparter Feiertag, erklärte er im ZDF. Und selbst der Vorsitzende der Industriegewerkschaft Chemie, Hermann Rappe, stützt sich, so ist zu hören, auf die ominöse Schätzung aus Bonn. Rappe trat – sehr zum Erstaunen seiner Gewerkschaftskollegen – jüngst dafür ein, den Pfingstmontag zu opfern.

Wo haben diese Männer nur ihre Zahlen her? Bonner Beamte reagieren zunächst mit Ratlosigkeit. Doch dann bestätigt sich ein Verdacht: Namentlich nicht bekannte Experten in der Bundeshauptstadt haben schlicht das gesamte jährliche Bruttoeinkommen in Deutschland aus unselbständiger Arbeit (1991 waren das rund 1,4 Billionen Mark) genommen, es wird durch die Zahl der tatsächlichen Produktionstage (etwa 210) geteilt und um den Anteil der Arbeitskräfte, die ohnehin an Feiertagen arbeiten (mindestens sechs Prozent) berichtigt. Ergebnis: rund sieben Milliarden Mark. Das wäre schon etwas, die Pflegeversicherung kostet die Arbeitgeber zunächst zehn bis zwölf Milliarden Mark im Jahr, wobei die Tendenz aufgrund des wachsenden Anteils alter Menschen an der Bevölkerung freilich rapide steigend ist.

Doch niemand mag der Formel so recht vertrauen. "Eine eigenartige Rechnung", kommentiert der Sprecher der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände, deren Klientel der zusätzliche Arbeitstag doch zugute kommen soll. Für die Arbeitgeber "gibt es überhaupt keine praktikablen Finanzierungsvorschläge". Auch beim Tarifpartner ist die Ablehnung groß: "Im schlimmsten Fall bringt es weitere Arbeitslose", fürchtet etwa Jörg Barczynski von der IG Metall.

Unter Wirtschaftsforschern verursachen die Bonner Rechenkünste nur Erstaunen. So arbeiten Menschen überall auch an Feiertagen: Flugzeuge fliegen, Eisenbahnen fahren, Restaurants öffnen. Wer an solchen Tagen an seinem Arbeitsplatz ist, erwirtschaftet in der Regel weit mehr als der Durchschnitt aller Arbeitnehmer an normalen Tagen; schon wegen dieses Effekts ist der Nutzen eines eingesparten Feiertags für die Unternehmen geringer als gedacht.

Und was geschieht mit den Arbeitnehmern, die nach Stunden bezahlt werden? Sie würden an einem weiteren Arbeitstag für die zusätzlichen Stunden einfach entsprechend mehr Geld bekommen – im Gegensatz zu denen, die ein festes Monatseinkommen beziehen. Zwar enthalten die Stundenlöhne Umlagen für Feiertage. Würde aber ein Feiertag gestrichen, müßten die im Tarifvertrag vereinbarten Stundenlöhne sinken. Welche Gewerkschaft macht das mit?