Der Tote ist allerbester Laune. "Wir wollten noch bei Lebzeiten das eigene Begräbnis feiern" – während der Architekt Laurids Ortner dies sagt, lacht er und deutet aus dem Fenster des Wiener Cafés "Museum". Hinaus zu einem ganz und gar schmucklosen, eigenwillig gelb-blau gestrichenen Riesencontainer, der soeben eröffneten Kunsthalle der Stadt Wien am Karlsplatz. Dort drüben, vom Café durch eine mehrspurige, heftig befahrene Straße getrennt, ist momentan in einer Retrospektive der gesammelte Nachlaß von "Haus-Rucker-Co" zu sehen, der österreichischen Künstler-Architekten-Gruppe, der Ortner bis vor einigen Tagen angehört hat. "Die gemeinsame Linie hat sich zerbröselt", beginnt Ortner in der ihm eigenen Hektik zu erzählen. Die drei Mitglieder hätten seit Jahren immer eigenständiger zu arbeiten begonnen, man habe Lehraufträge angenommen. Ihre utopischen Wohnobjekte hingegen, ihre zwischen den Kunstgattungen oszillierenden Happenings, ihre "Wahrnehmungs-Apparate", ihre "provisorische Architektur" – das sei nun endgültig Geschichte. "Aus."

"Aber nicht vorbei", stolpert Ortner gleich weiter in seine Erzählungen von jener höchst lebendigen Vergangenheit, die sich in den vergangenen 25 Jahren angesammelt hat: "Unsere Objekte sind Teile eines urbanen Alphabets, das wir zu entwickeln versucht haben. Heute bilden wir damit ganz pragmatisch Wörter."

Den ersten, auffallenden Buchstaben artikulierte die Gruppe schon, als sie noch gar keine war: Angelockt vom Wettbewerb "Design 2000" der deutschen Firma Holzäpfel, trafen sich 1967 auf dem Dachboden eines Wiener Altbaus Laurids Ortner, Günter Zamp Kelp sowie Klaus Pinter, um gemeinsam ein möglichst zukunftsträchtiges Wohnkonzept zu basteln, wie es verlangt war. Die drei 26jährigen Herren hatte freilich alles andere denn der Zufall zusammengeführt. Sie kannten einander bereits von ihrer Schulzeit im oberösterreichischen Linz; von 1959 an studierten Ortner und Zamp Kelp gemeinsam auf der Technischen Hochschule in Wien Architektur, während Pinter die Malerei-Klasse von Albert Paris Gütersloh auf der Akademie besuchte.

Das Gemeinschaftswerk der drei aus der Provinz wurde mit einem "Holzäpfel"-Preis ausgezeichnet und erregte einiges Aufsehen: Sie hatten den Prototyp des "Mind-Expanders" entwickelt, der sie in den folgenden Jahren noch oft beschäftigt hat – eine durchsichtige, poppig bedruckte Polyester-Kugel, die man auf den Kopf setzte, um dadurch die gewohnte Welt verändert wahrnehmen zu können. "Plötzlich empfanden wir uns wie eine Popgruppe", umschreibt Ortner das neue Lebensgefühl, das sich angesichts des plötzlichen Erfolges eingestellt hatte. "Wir erwarteten uns viel Spaß, Mädchen, Kunst & Geld. So war das."

Neben Haus-Rucker-Co wurden von diesem Geist des Aufbruchs und der Revolte auch andere Architekten in Wien erfaßt. Ihren Bands gaben sie programmatische Namen wie Missing Link, Zünd Up, Salz der Erde oder Coop Himmelblau, die letzte besetzt mit Wolf D. Prix und Helmut Swiczinsky – es sind die einzigen, die heute noch gemeinsam arbeiten und mit ihren bizarren Bauten wie gewohnt Aufsehen erregen.

Beim Buchstabieren eines geeigneten Namens blieben die drei bei Initialen, die ihnen seit der Kindheit vertraut waren: "HRC" stand einerseits für den dichtbewaldeten Höhenzug namens Hausruck im oberösterreichischen Alpenvorland; und andererseits für das Ziel der Gruppe, "alte Häuser wegzurücken, um Platz für neue Gestaltungsmöglichkeiten zu schaffen": "Häuser-Verrücker", "Haus-Rucker" eben.

Vorerst freilich mußte sich HRC darauf beschränken, den in Wien besonders unverrückbaren, unzeitgenössischen Häusern die eigene Architektur-Utopie gleichsam aufzupfropfen. In ihrem ersten Gruppenprojekt vom Herbst 1967 schoben sie aus dem Fenster ihres Ateliers in der Apollogasse 3 einige Metallstangen, auf die sie Sitzgelegenheiten für zwei Personen montiert hatten – umhüllt von einer durchsichtigen, aufgeblasenen Plastikfolie: der legendäre "Ballon für zwei", auf dem neben den obligaten bunten Streifen bereits das selbstbewußte HRC prangte.