Im Januar 1990 meldet sich ein ehemaliger Osram-Mitarbeiter namens Kafka, der es seit dem Mauerbau bei Narva bis zum Sicherheitsinspektor gebracht hat, bei Osram in Spandau zurück – und wird dort wieder eingestellt: ebenfalls als Sicherheitsinspektor.

Ebenfalls im Januar 1990 findet im Kultursaal des Berliner Glühlampenwerks das letzte Fest statt. Dazu hatten sämtliche Narva-Kulturzirkel unter der Leitung von Frau Gothow eine große Revue inszeniert: „Bei Licht besehen – heiter!“ Die Narva-Kapelle, die Tanztruppe des Narva-Carnevalsclubs, das Cabarett und das Narva-Arbeitertheater stellen die Entwicklung von Göbel bis zur Energiesparlampe szenisch dar. Ein Lampen-Diebstahl während der Proben wird ebenso in das Stück eingebaut wie ein „Slap“ von Kurt Bartsch – mit dem Refrain: „Wir waren ein Kollektiv / Doch plötzlich lief irgendwas schief.“ Erstmalig hat man auch Osram-Arbeiter eingeladen. Während sie vor allem von den ganzen „kulturellen Errungenschaften“ bei Narva beeindruckt sind, fällt den Narva-Arbeitern besonders die Sauberkeit und das hohe technische Produktionsniveau bei Osram auf.

Im Februar 1990 bekommt Narva von Osram eine Produktionsanlage für Energiesparlampen geliefert. Dazu meint der neue Westberliner Aufsichtsratsvorsitzende von Narva, Dr. Abshagen: 1988 habe Osram dafür von der KoKo-Firma Gerlach 6 Millionen D-Mark verlangt. Gerlach-Geschäftsführer Michael Wischnewski habe daraufhin von der Außenhandelsstelle 12 Millionen gefordert, und bei Narva sei die Rechnung schließlich mit 21 Millionen angekommen. Ein Jahr später bietet das bei der Treuhandanstalt als Käufer von Narva aufgetretene Westberliner Klingbeil-Konsortium, zu dem unter anderen der Schwager Michael Wischnewskis, Heinz Pietzsch, gehört, brieflich Osram die Energiesparlampen-Anlage zum Rückkauf an – und das, obwohl sie noch gar nicht den Zuschlag bekommen, wohl aber „Arbeitsplätze im Licht“ zu erhalten versprochen haben und gerade diese Produktionsstrecke die einzig profitable seit der Wende war und ist, weil es einzig bei den Energiesparlampen noch Marktnischen für Narva gibt. Desungeachtet sind diese ganzen überteuerten, zudem quecksilberhaltigen Energiesparlampen eigentlich ein Öko-Blödsinn, weil man in den privaten Haushalten sowieso nur noch acht Prozent des Stroms für Licht verbraucht und dabei kaum noch was einsparen kann.

Im Januar 1991 tobt der Golfkrieg, in dem es auch um Licht und Dunkel geht. Im Koran steht: „Allah ist das Licht des Himmels und der Erde. Sein Licht gleicht einer Nische, in der sich eine Lampe befindet; die Lampe ist in einem Glase, und das Glas gleicht einem flammenden Stern. Es wird angezündet von einem gesegneten Baum, einem Ölbaum, weder vom Osten noch vom Westen, dessen Öl fast leuchtete, auch wenn es kein Feuer berührte – Licht über Licht.“ In Wolfgang Schivelbuschs „Geschichte der künstlichen Helligkeit – Lichtblicke“ heißt es an einer Stelle ganz ähnlich: „Der Glaszylinder, in dem die Flamme eingeschlossen war, präludierte den Glasmantel der Glühbirne; der Dochtmechanismus den Lichtschalter; die Flamme, die durch die erhöhte Sauerstoffzufuhr so sehr in ihrer Lichtintensität gesteigert war, den Glühfaden.“ Für Schivelbusch ist die Glühbirnenerfindung ein zwingendes Resultat europäischer Aufklärung.

Im Januar 1991 bekommt man in einigen Bukarester Hotels zusammen mit dem Zimmerschlüssel eine Glühbirne ausgehändigt, die man bei der Abreise wieder abgeben muß.

Anfang Februar 1991 teilt die im Auftrag der Treuhand Narva international anbietende Unternehmensberatungsfirma Price Waterhouse mit, daß Osram überall auf der Welt habe verlauten lassen, man werde das Berliner Glühlampenwerk kaufen – dabei hatte Osram gar keine Offerte abgegeben. Zuvor hätten die Siemens-Manager in der Treuhand alles getan, um das Werk auf die Abwicklungsliste zu setzen. Ein entsprechender Beschluß sei dann aber durch den Treuhandchef Rohwedder rückgängig gemacht worden.

Am 27. Februar 1991, einen Tag vor Auslauf der Angebotsfrist, gibt der Weddinger Erfinder Dieter Binninger zusammen mit der Berliner Commerzbank eine Kaufofferte für Narva bei der Treuhand ab.