Von Georg Blume

Ichiro Ozawa grenzt sich von seiner Partei ab: "Ich bin anders." In Japan, wo die Gruppe das Individuum beherrscht, ist das schon fast ein politisches Programm.

Anders geraten ist der Liberaldemokrat Ozawa, ehemaliger Generalsekretär der Regierungspartei, gleich auf zweierlei Art und Weise: Ozawa wirkt jugendlich, und er besitzt den Mut des Herausforderers. Wo andere den Kopf einziehen, hält Ozawa ihn hin. Mit fünfzig Jahren hat vor ihm jedenfalls noch keiner versucht, Japan im Alleingang zu regieren. "Ich werde die Politik des lauwarmen Wassers ändern", verspricht er seinem Land.

Ein kühner Anspruch wird damit erstmals formuliert: Denn Ozawa will der Clinton Japans sein. Mit seinen fünfzig Jahren liegt Ozawa um volle zwei Jahrzehnte unter dem Altersdurchschnitt der derzeitigen Partei- und Regierungsspitze. In einem Land, in dem die meisten Positionen in Unternehmen und Ministerien nach dem Senioritätsprinzip vergeben werden, trägt sein Griff nach der Macht unvermeidlich revolutionäre Züge.

Ähnlich wie Bill Clinton schöpft Ozawa aus dem schlichten Versprechen politische Kraft, mit ihm trete eine neue Generation an. Denn Japan hat die Gerontokratie gründlich satt. Seit 37 Jahren regiert die Liberal-Demokratische Partei (LDP) nun schon das Inselreich – an ihrer Spitze immer die gleichen gesichtslosen Politiker im Pensionsalter. Auf der Gegenseite ist die Opposition nicht jünger besetzt und bei Wahlen chancenlos. Nicht eine andere Partei, sondern eine neue Generation könnte deshalb den schon lange fälligen Machtwechsel in Japan herbeiführen.

Vor wenigen Tagen dachten die Japaner, es sei soweit: Als Shin Kanemaru, der 78jährige Kulissenherrscher der Liberaldemokraten, wegen seiner Verwicklung in mehrere Finanzskandale alle Ämter niederlegen mußte, schien die Stunde Ozawas gekommen. Kanemaru hatte in Ozawa seinen politischen Erbfolger gesehen und ihm als Stellvertreter bereits das tägliche Partei- und Regierungsgeschäft übertragen. Schon immer hatte Kanemaru einen solchen jungen Nachfolger gesucht. Der konfliktfreudige Ozawa, der als Sohn eines angesehenen Ministers schon mit 27 Jahren ins Parlament eingezogen war, zeigte vor niemandem in der Partei Scheu. Erwartungsgemäß kandidierte Ozawa deshalb für das Amt Kanemarus, den Vorsitz der größten LDP-Fraktion.

"Ich will nicht Premierminister werden", begründete Ozawa seine Kandidatur, "sonst wäre ich das schon längst geworden." Tatsächlich wird das Amt des Regierungschefs innerhalb der Liberal-Demokratischen Partei an Platzhalter der mächtigsten Parlamentsfraktion delegiert. Auch der derzeitige Premierminister, Kiichi Myazawa, hatte wie sein Vorgänger auf die Anweisungen des Fraktionsvorsitzenden Kanemaru gehorcht.