Von Fritz Steppat

Sind der Islam und das Christentum Erbfeinde? Ohne Zweifel sind sie einander in der Geschichte immer wieder als Konkurrenten begegnet. Beide erheben den Anspruch, allein die religiöse Wahrheit zu besitzen, die für die gesamte Menschheit gelten soll. Und der Koran verheißt dem Islam den Sieg. Gott "hat seinen Gesandten mit der Rechtleitung und der wahren Religion geschickt, um ihr zum Sieg zu verhelfen über alles, was es sonst an Religion gibt".

Der Koran gebietet den Gläubigen auch, gegen die Ungläubigen zu kämpfen, bis sie die Herrschaft des Islam anerkennen. Aber dieses Gebot ist zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich verstanden und befolgt worden. Die klassischen Rechtsgelehrten haben daraus eine Pflicht zum ständigen Heiligen Krieg (Dschihad) zur Ausbreitung des Islams abgeleitet. Es gibt indessen auch die Auffassung, ein Dschihad sei einzig zur Verteidigung des Islam zu führen, und schließlich die spirituelle Interpretation, wonach der Heilige Krieg als Anstrengung zur religiösen Vervollkommnung zu verstehen sei. Auf jeden Fall haben die Muslime Andersgläubige in der Regel nicht zum Übertritt gezwungen. Dazu bei trägt das Bewußtsein, daß Juden und Christen ihnen heilsgeschichtlich nahestehen. Für das Zusammenleben mit Andersgläubigen fand der Islam eine für mittelalterliche Verhältnisse liberale Lösung: Er gestand anderen Religionsgemeinschaften weitgehende Autonomie zu, solange sie die islamische Oberhoheit akzeptierten.

Gleich nach seiner Entstehung im 7. Jahrhundert auf dem kargen Boden der arabischen Halbinsel erlebte der Islam eine erstaunliche Ausweitung. Die Muslime eroberten in kürzester Zeit den ganzen Vorderen Orient sowie Nordafrika und stießen darüber hinaus nach Süd- und Zentralasien sowie nach Europa vor. Die Kraft hierzu verlieh ihnen zum einen die universale Konzeption ihrer Religion, die Stämme und Völker vereinigte, und zum anderen das Selbstbewußtsein, im Dienst Gottes, des alleinigen Herrn der Welt, zu kämpfen. Hinzu kam die Fähigkeit, Elemente anderer Kulturen – der hellenistischen, persischen, indischen – aufzunehmen und zu einem Ganzen zu verschmelzen, das als eigene islamische Kultur Anerkennung erzwang.

Eine weitere Erklärung für die Erfolge der Muslime liegt in der Schwäche ihrer Gegner. Das Perserreich und Byzanz rangen mit schweren inneren Problemen. In Mittel- und Westeuropa trat an die Stelle des Römischen Reichs der Antike überhaupt keine einheitliche politische Struktur. In der Völkerwanderung durchzogen germanische, slawische und asiatische Stämme und Völker den Kontinent und errichteten kurzlebige Herrschaften. Die europäische Kultur erlebte einen Niedergang.

Die Scharen arabischer und berberischer Muslime, die im Jahr 711 die Straße von Gibraltar überschritten, besiegten rasch das Reich der Westgoten in Spanien. An seine Stelle trat ein blühendes Gemeinwesen. Die Muslime lebten in "al-Andalus" friedlich mit den Christen und Juden zusammen. Nicht wenige von diesen fanden es vorteilhaft, die arabische Sprache und die islamische Religion zu übernehmen. Die Kultur blühte. Landwirtschaft und Handwerk erlebten einen enormen Aufschwung. Die Menschen konnten bequem wohnen, sich schön kleiden und entwickelten eine raffinierte Küche. Die Regeln für die korrekte Speisefolge bei einem Gastmahl, die wir bis heute beachten, haben ihren Ursprung wahrscheinlich in al-Andalus.

Vor allem gehörte zu der feinen andalusischen Lebensart, Bücher zu lesen. Sie konnten auf dem neuerdings produzierten Papier billiger vervielfältigt werden als vorher: Werke der schönen Literatur, aber auch Abhandlungen über Philosophie oder Naturwissenschaften. Muslimische Intellektuelle hatten alte griechische Schriften entdeckt und die dort aufgezeichneten Kenntnisse fortentwickelt. Die spanische Stadt Toledo, die schon 1085 wieder in christliche Hand fiel, gedieh zu einem der wichtigsten Übersetzungszentren. Aus diesen Quellen gelangte antikes Wissen nach Europa und leitete dort die geistige Bewegung ein, die schließlich zur Renaissance führte.