Von Dieter E. Zimmer

Damals, die Monate nach der Wende – was waren das für paradiesische Zeiten für den Journalisten! Eherne Sperren und Schlagbäume gelockert und dann ganz weg, Grenzer und anderes Barrikadenpersonal tief verunsichert ...

Da fuhr man nur mit ein paar Fragen im Kopf in das unbekannte nahe Land, schritt nickend am Pförtner vorbei, der einem noch ein paar Wochen zuvor den Weg ins Sanktuarium niemals freigegeben hätte, ging durch den Wofasept-Duft grünlicher Treppen und Gänge zur Chefetage, suchte sich das Sekretariat des Kollegen Direktors, grüßte ein paar massive ältere Damen, deren Spezialität wohl immer die Zimmerpflanzenpflege und das Abwimmeln gewesen war, die aber nun, vom Gang der Dinge überrumpelt, ihren Rausschmeißerreflex unterdrückten, teilte mit, man käme von der Zeitung Soundso (von der sie – und daran, nur daran hat sich seitdem nichts geändert – noch nie gehört hatten) und wolle den Leitenden sprechen. Zwar sichtlich gequält, nahmen sie die Visitenkarte dennoch entgegen, entschwanden nach nebenan, und alsbald stand der Leitende selbst im Türrahmen und bat einen herein oder verabredete einen passenderen Termin, der immer sehr nahe war, heute nachmittag, morgen früh um sieben (denn in den Büros der DDR begann der Arbeitstag früh), was ist Ihnen denn lieber?

Der einzige Nachteil dieses Zustands war, daß auch die Leitenden den Überblick nicht hatten und Konkretes nicht wußten. Ehe der Westjournalist sonst zu einem Interview aufbricht, hat er sich gewisse Grunddaten ja längst aus den entsprechenden Veröffentlichungen besorgt oder von den Referaten für Öffentlichkeitsarbeit zufaxen lassen. Hier kam man ohne sie, aber die Leitenden hatten sie auch nicht, so daß das Gespräch oft zu einem gemeinsamen Rätselraten ausartete. Simple Fragen wie "Wie viele Bibliotheken gibt es in den Bezirken, die jetzt Brandenburg werden sollen?" oder "Warum dauert die Buchauslieferung beim LKG so lange?" erwiesen sich als abgründige Mysterien, die nun niemand mehr durchdringen würde. ("Tja, irgendwo in meinen Akten könnte schon eine Statistik sein, aber die nützt Ihnen wenig, es wurde ja immer falsch gezählt.") Es ergab sich ein Paradox. Da war ein zentralistischer Planstaat gewesen, der obendrein einen erheblichen Teil seines Sozialprodukts für seine systematische Entheimlichung ausgegeben hatte, und trotzdem hatte dort gegolten: Nichts Genaues weiß keiner nicht.

Bereitwillige und mitteilsame Gesprächspartner, null Information – was für ein Bewenden es mit diesen großen Siegeln an Tür und Türrahmen hatte, habe ich noch erfahren (es handelte sich nicht um plombierte Kammern voller Stasi-Akten, sondern um Überreste des früheren ordnungsgemäßen Umgangs mit dem Büroinhalt), aber meine Lieblingsfrage in jener Phase bin ich unter diesen Umständen gar nicht losgeworden: Warum bloß hat die DDR ihre frei verlegten, nackten, endlos scheinenden Fernheizungsrohre in so phantastischen, jeder einsehbaren Zweckmäßigkeit entratenden Winkeln abgeknickt? Mal kurz nach oben, dann wieder runter, dann nach rechts und gleich wieder geradeaus weiter, mal sogar schräg nach oben? Kunst in der Landschaft? Verwirrung des Klassenfeindes? Ewiges Rätsel.

Dann kamen langsam die Zeiten, in denen die Leitenden sich zu fragen begannen, wo sie selber in ihnen abbleiben würden. Taktische Vorsicht hielt Einzug, und da wollten sie einen gar nicht mehr so gerne sprechen, da sollte man es doch lieber mal bei Herrn Soundso versuchen. Oder: Ich darf mit Ihnen nicht mehr sprechen, nur noch Herr Soundso ist jetzt dazu befugt, aber zur Zeit nicht erreichbar, nein, nächste Woche auch nicht. Die anderen, die bereits wußten, was jetzt Sache war, waren auf Dienstreise in Bonn und hatten dann drei Fachtagungen und einen Termin beim Minister und sowieso eigentlich gar keine Zeit mehr.

So mußte man dann schon den Dienstweg über die Pressestellen einschlagen. Und was waren das noch für Pressestellen! Ich erinnere mich, wie mir eine seit langem im Pressereferat einer prominenten hauptstädtischen Einrichtung tätige Dame über einer Kanne Tee kummervoll auseinandersetzte, daß in ihrem Beruf alles einfach schrecklich geworden sei: Diese vielen Zeitungen, die sie ekelten und sie selber nicht lesen und noch nicht einmal kennen wolle, und früher hätten die Journalisten einen Artikel über ein Gespräch mit ihrem Intendanten diesem immer erst vorlegen müssen, während heute jeder einfach schreibe, was er wolle, auch Negatives, auch Ärgerliches, auch Falsches, einfach drauflos, und sie werde dann nachher dafür verantwortlich gemacht, ach ja, noch ’n Tee? Ich bin ja so froh, daß ich mir das mal von der Seele reden kann.