Von Gero von Randow

Seit einem Vierteljahrhundert entwirft Christiane Floyd Computerprogramme. Sie ist dabei auf Methoden gekommen, wie diese Programme gemeinsam mit denjenigen Menschen entwickelt werden können, die später damit arbeiten müssen – "partizipative Systemgestaltung" heißt ihr Ansatz, und ihre Arbeiten zu diesem Thema sind heute vielgelesene Literatur.

Sie scheint sich darauf nichts einzubilden. Ohne Posaunenschall kommt auch ihre Kritik am Zustand der Informatik daher. Der Grundsatzstreit über das Selbstverständnis der bisher nur mathematisch und technisch orientierten Disziplin, der in den Vereinigten Staaten die führenden Fachzeitschriften belebt, tritt endlich auch bei uns aus seinem Schattendasein, und das verdanken wir nicht zuletzt dieser Informatikerin.

Der Streit entzündet sich daran, daß Programme Geschöpfe sind, die in parallel existierenden Welten leben. Zum Beispiel als Objekte der Mathematik: Sind sie widerspruchsfrei? Oder als Konstruktionen des Ingenieurs: Erfüllen sie ihren vorgegebenen Zweck? Folgerichtig gabelt sich die Lehre von der Software in einen theoretischen und einen praktischen Zweig. Dabei würden es viele Computerwissenschaftler gerne belassen. Andere fordern indes einen erweiterten Forschungsgegenstand: Software schließt Menschen unterschiedlicher Interessen und Sichtweisen zu arbeitsteiligen Gruppen zusammen.

Der Gedanke ist nur trivial, solange er abstrakt bleibt. Aber wenn beim Entwurf von konkreten Computersystemen deren soziale Wirkung nicht recht bedacht wird, entstehen tumbe Gebilde, auf die jeder flucht, der mit ihnen arbeiten muß. Ein untrügliches Symptom ist der findige Mitarbeiter, der mit privaten Programmen und Geräten versucht, am offiziellen System vorbeizuarbeiten. Christiane Floyd kritisiert, daß die akademisch gelehrte Informatik auf diese Probleme der Computerisierung unvorbereitet sei.

Die Vorstellung vom Leben in parallelen Existenzen ist Christiane Floyd wohlvertraut. Als sie nach dem Krieg die Volksschule besuchte, verbrachte sie die eine Hälfte des Jahres auf dem Gut ihrer Eltern in Niederösterreich und das andere Halbjahr in Wien. "Ich bin als kleines Kind dadurch aufgefallen, daß ich sehr früh rechnen konnte. Weil das in dem Milieu, aus dem ich stamme, so ganz extrem ungewöhnlich war und bei einem Mädchen auch noch unüblich, hat meine Familie mir ungeheure mathematische Talente zugeschrieben." Also ward beschlossen: Das Kind wird Mathematikerin. Die streng erzogene Tochter folgte dem elterlichen Willen, der sie an die mathematische Fakultät der Wiener Universität führte. Dabei hatte sie längst eine andere Gedankenwelt entdeckt, in der sie sich heimischer fühlte: die Philosophie, die sie parallel studierte, im Nebenfach.

Schon als Gymnasiastin hatte sie Halbjahre im Ausland verbracht, die Studentin hielt es nicht anders. 1965 bekam sie einen Ferienjob bei Siemens in München und hatte es zum ersten Mal mit Computern zu tun. Nach dem Studium stellte die Firma die Berufsanfängerin sogleich in verantwortungsvoller Position ein. Sie arbeitete für ein Projekt auf dem Gebiet der Programmiersprachen, das damals recht anspruchsvoll war (für Experten: ein Algol-60-Compiler). "Das hat mir sehr großen Spaß gemacht", sagt sie, die ihren Arbeitsgenuß sonst nicht erwähnt.