Relativ gelassen haben die Börsianer das Gutachten der "Fünf Weisen" über die gesamtwirtschaftliche Lage in Deutschland aufgenommen. Überwiegend herrscht die Meinung vor, daß die pessimistische Prognose für 1993 schon weitgehend in den gesunkenen Aktienkursen zum Ausdruck kommt. Zudem wird erwartet, daß sich im dritten Quartal, spätestens zum Jahresschluß 1993 die Beschäftigung der Industrie und ihre Gewinne wieder bessern.

Das ist natürlich nicht der Grund, daß der Deutsche Aktienindex (Dax) in den vergangenen Wochen einen deutlich erkennbaren Auftrieb gezeigt hat. Vielmehr scheinen etliche Anlagemanager den Jahresschluß ins Visier genommen zu haben mit der verständlichen Absicht, die in diesem Jahr bei den meisten Aktien eingetretenen Kursverluste zu mildern, um so den Abschreibungsbedarf zu minimieren.

Wenn solche Absichten nicht ganz erfolglos bleiben, hängt dies mit der Abneigung der meisten Aktienbesitzer zusammen, auf der gegenwärtigen Kursbasis Papiere zu verkaufen.

Genährt wurde die Standfestigkeit des Aktienmarktes durch die von Siemens bekanntgegebenen Zahlen über das abgelaufene Geschäftsjahr 1991/92, die besser ausgefallen sind, als bislang erwartet worden war. Dadurch ist nicht nur der Siemens-Kurs nach oben gezogen worden, auch andere bitte chips zeigten Ansätze für eine Kurserholung. Sie wäre vielleicht noch deutlicher ausgefallen, hätte nicht kurze Zeit später der Daimler-Vorstand seine schlechten Ergebnisse für das zweite Halbjahr 1992 "enthüllt". Gleichwohl gab es beim Daimler-Kurs keinen eigentlichen Einbruch mehr. Das mag zum Teil daran liegen, daß der Daimler-Vorstand die von der DB Research, der Analysegesellschaft der Deutschen Bank, für 1993 veröffentlichten Gewinnschätzungen als zu pessimistisch ansieht. DB Research hatte die Prognose von 47 auf 40 Mark je Aktie reduziert, nach 52 Mark in diesem Jahr.

Da die Zinssenkung in Deutschland eine Pause eingelegt hat und eher mit einem leichten Anstieg der Renditen gerechnet wird, hat das Interesse für Bankaktien spürbar abgenommen. Die Commerzbank und die Dresdner Bank beschaffen sich noch vor Jahresende neues Eigenkapital über neue Genußscheine beziehungsweise über eine Optionsanleihe. Der Markt dürfte diese Belastung allerdings verkraften können. K. W.