Von Elie Cohen

Nur wenige vernünftige Menschen werden es leugnen: Die wirtschaftliche Spezialisierung wurde in den vergangenen dreißig Jahren weltweit mehr durch die sichtbare Hand von Regierungen als durch die unsichtbare Hand des Marktes bestimmt. Das gilt gleichermaßen für die Landwirtschaft in Europa, die Automobil- und Elektronikindustrie in entwickelten Ländern oder gar die Textilindustrie im weniger entwickelten Teil Asiens.

In der aktuellen Debatte über eine europäische Industriepolitik führen ihre Gegner denn auch drei sehr unterschiedliche Thesen an: eine theoretische, wonach industriepolitische Interventionen zwar vorhanden sind, in Zukunft aber unterbunden werden müssen. Eine historische These, nach der Rezepte von gestern unter den heutigen Bedingungen nicht mehr funktionieren. Und schließlich eine logische These, die Globalisierung und nationales Vorgehen für unvereinbar erklärt.

Staatliche Eingriffe, so die theoretische These, führen zu Wettbewerbsverzerrungen, die wiederum eine nicht optimale Verwendung der Ressourcen mit sich bringen. Bei diesem Argument dürften die Japaner, welche die Amerikaner als Meister der Mikroelektronik abgelöst haben, nur müde lächeln. Denn sie wissen, daß Wettbewerbsvorteile entwickelt werden müssen, daß dies nur mit langfristigen Strategien gelingen kann – und daß gerade doktrinäre Realitätsferne die amerikanischen Unternehmen aushöhlte.

Ob es gefällt oder nicht, der Markt ist eben doch kurzsichtig – und das um so mehr, als die Finanzmärkte durcheinandergeraten sind. Nur ein Beispiel: Besonders in der Kommunikationstechnologie sind die Größenvorteile und die notwendigen Lernprozesse enorm. Deswegen ist der Marktzutritt für einen Neuling praktisch unerschwinglich. Nur auf den Markt zu setzen hieße, sich selbst zur Hilflosigkeit zu verdammen, die Zukunft zu gefährden und Umwelt sowie sozialen Frieden aufs Spiel zu setzen.

Die Rezepte von gestern funktionieren heute nicht mehr, ist die historische These der Industriepolitikgegner. Das Beispiel Frankreichs illustriert sowohl den Erfolg bewußt erzeugter Wettbewerbsvorteile als auch ihre Entwicklungsdynamik. In vielen Wirtschaftssektoren war das große Industrieprojekt à la Colbert (Finanzstratege unter Ludwig XIV. und Vater des französischen Staatskapitalismus) später erfolgreich: in der Raumfahrt, in der Ölbranche oder in der Telekommunikation. Dagegen jetzt anzugehen kommt einem Kampf gegen Windmühlenflügel gleich: Eine solche Politik wird in Frankreich heute längst nicht mehr praktiziert – und erscheint im nationalen Rahmen auch nicht mehr sinnvoll.

Das Modell des groben coioertistischen Industrieprojekts hat ausgedient, weil es auf einer einmaligen Kooperation von Staat, Forschung, Industrie und Abnehmer beruht, etwa in der Telekommunikation. Die Projekte waren nur erfolgreich, weil der Staat anfangs einen offensiven Protektionismus betrieb, die industrielle Entwicklung vorfinanzierte, für öffentliche Aufträge und damit große Serien sorgte und einen öffentlichen oder privaten Industriechampion heranzüchtete.