Von Eva-Marie von Münch

Gregory Kingsley, ein zwölfjähriger Junge aus Florida/USA, hat Schlagzeilen gemacht. Er hat sich von seinen Eltern mit Hilfe eines Gerichtsurteils getrennt. Die Eltern des Jungen sind geschieden, das Sorgerecht hatte die Mutter, eine dreißigjährige Kellnerin. In den vergangenen acht Jahren hat Gregory gerade sieben Monate bei ihr gelebt und war ansonsten bei verschiedenen Pflegefamilien untergebracht, zuletzt beim Ehepaar Ross, das selbst acht Kinder aufzieht. Aus dieser Pflegefamilie wollte die Mutter ihn zurückholen, Gregory aber wollte dort bleiben. Er sei von seinen Eltern vernachlässigt und schlecht behandelt worden, berichtete er; auch von Schlägen war die Rede und vom lockeren Lebenswandel der Mutter. Gregory wollte in Ruhe bei seiner Pflegefamilie erwachsen werden.

Auf den Rat seines Pflegevaters suchte er sich einen Rechtsanwalt und klagte vor Gericht: Er wollte von seinen Eltern getrennt ("geschieden") und von seinen Pflegeeltern adoptiert werden. Richter Thomas Kirk in Orlando, Florida hatte Verständnis. In einer ersten Entscheidung im Juli akzeptierte er das Recht des minderjährigen Jungen, selbst vor Gericht zu klagen; in einer zweiten Entscheidung Ende September gab er dem Jungen recht. Jetzt heißt Gregory Kingsley Sean Ross und ist Adoptivsohn seiner früheren Pflegeeltern. Seine leibliche Mutter hat ihr Elternrecht verloren.

Der Fall gilt in den USA als beispiellos. Wäre er in der Bundesrepublik auch möglich? Wie steht es überhaupt um die Vertretung von Kinderrechten vor Gericht?

Es geht hier nicht nur um die rund 70 000 Kinder, die vorübergehend oder auch auf Dauer in einer Pflegefamilie leben. Das gleiche Problem besteht für Kinder aus gescheiterten Ehen und für nichteheliche Kinder, wenn das Sorgerecht einem Elternteil allein zusteht. Können Kinder selbst darüber mitentscheiden, bei wem sie leben und mit welchem Elternteil sie Kontakt haben wollen?

Unser Recht ist auf den ersten Blick außerordentlich elternfreundlich. Das Grundgesetz erwähnt in seinem Grundrechtskatalog Rechte von Kindern nicht mit einem einzigen Wort. Die Rechte von Eltern hingegen sind ausdrücklich geschützt. Für sie bestehen ein "natürliches Recht" und eine "zuvörderst ihnen obliegende Pflicht", ihre Kinder selbst zu erziehen. Gegen den Willen der Eltern dürfen Kinder "nur auf Grund eines Gesetzes von der Familie getrennt werden", und dies auch nur dann, wenn die Eltern "versagen oder wenn die Kinder aus anderen Gründen zu verwahrlosen drohen".

Als das Grundgesetz 1949 entstand, war es nicht nur als Grundlage für den neuen Staat gedacht, sondern zugleich eine Absage an die Vergangenheit. Eine Absage an die Familienpolitik des NS-Staats mit seiner Ideologisierung der Erziehung vom Jungvolk bis zum BDM, mit Rassismus und germanischer Elite-Erziehung in Napola-Schulen. Der Rückzug auf die Familie, auf die Gemeinschaft von Eltern und Kindern, war die Konsequenz, die auch restaurative Züge trägt. Das Familienrecht des Bürgerlichen Gesetzbuches gab Eltern (damals vor allem Vätern) eine nahezu unbeschränkte "elterliche Gewalt". An Kinderrechte dachte niemand.