Inzwischen ist die Staatskasse leer. Das Schatzamt findet kaum noch genug Kredit für die fast eine Milliarde Mark Zinsen, die täglich fällig sind. Die beiden Staatsholdings IRI und ENI sind zusammen bereits mit hundert Milliarden Mark verschuldet. Und die dritte Staatsholding, EFIM, ist pleite. Bei zwanzig Milliarden Mark Gesamtschulden werden nach der Abwicklung wohl zehn Milliarden Mark Verlust übrigbleiben. Das allein sind 230 Mark je Steuerzahler.

Jetzt ist in Rom Großreinemachen angesagt. Das großangelegte Privatisierungsmanöver ist Teil eines Notprogramms zur Sanierung des Staatshaushaltes. Der Staat will Immobilien verkaufen, Dienstleistungsmonopole aufheben, Post und Bahn entbürokratisieren und private Investoren einschalten, wo immer es möglich ist. Vor allem aber soll das riesige Arsenal der Staatsbetriebe entrümpelt und soweit es geht versilbert werden.

Im nächsten Jahr, so steht es im Sanierungsplan der Regierung, sollen acht Milliarden Mark durch den Verkauf von Staatsbeteiligungen hereinkommen. In den beiden folgenden Jahren will Rom je elf bis zwölf Milliarden Mark durch Privatisierungen erlösen. Insgesamt wird der Nettowert der Staatsbeteiligungen auf 70 Milliarden Mark geschätzt. Aber ein großer Teil davon ist ohne eine mehrjährige Sanierungskur unverkäuflich.

Eine hektische Aktivität hat eingesetzt. "Die Privatisierer schließen jetzt wie die Pilze aus dem Boden: Kommissionen, Experten, Politiker, Merchant Banks überschlagen sich mit Projekten", stellt das Mailänder Wirtschaftsblatt Affari & Finanza fest, argwöhnt jedoch, es werde zwar viel geredet, tatsächlich solle aber alles beim alten bleiben.

Diese Befürchtung ist nicht aus der Luft gegriffen. Zu viele Interessen muß diese Reform verletzen; zu viele Statthalter parteipolitischer Machtpositionen verlieren ihren Einfluß; zu starke, wenn auch unsichtbare Bande gegenseitiger Begünstigungen würden damit durchschnitten. So warnen vor allem die bis zu den vergangenen Aprilwahlen allmächtigen, jetzt aber zum Taktieren gezwungenen Parteiführer der Sozialisten, Christdemokraten und Sozialdemokraten davor, die Aktion zu überstürzen und wertvollen Besitz zu verschleudern.

Ganz unrecht haben die Zauderer nicht. Derzeit sind für die Staatsunternehmen kaum Höchstpreise zu erzielen. Schließlich ist die Stimmung an der Börse vor allem in Italien, aber auch in den anderen Industrieländern der westlichen Welt nicht eben euphorisch. Hinzu kommt, daß Italiens große Privatkonzerne Fiat, Pirelli, Olivetti, Ferruzzi-Montedison und Berlusconi zunächst ihre eigenen Schwierigkeiten überwinden müssen. "Wir sind an keinerlei Staatsbeteiligungen interessiert und werden unsere ganze Finanzkraft für das Autogeschäft einsetzen", gab Fiat-Chef Giovanni Agnelli bereits zu verstehen. So hofft der Staat vor allem darauf, daß sich Finanzgruppen zusammenschließen und gemeinsam Beteiligungen erwerben. Kleinaktionäre sollen durch Steuervergünstigungen geködert werden.

Der erste wirklich große Brocken, der jetzt unters Volk kommen soll, ist sieben bis neun Milliarden Mark wert. Es handelt sich um 67 Prozent Kapitalanteil der IRI-Gruppe an der fünftgrößten italienischen Geschäftsbank, der Credito Italiano. Die Mehrheit soll nach dem derzeit gültigen Konzept möglichst in die Hand einer starken Gruppe kommen, aber nicht einem Industriekonzern anheimfallen. Die Privatisierung wird in Form einer Versteigerung erfolgen.