Von Benjamin Henrichs

Wie überaus seltsam das alles ist! Ein altes, kaltes Schloß am Meer, bewohnt von grauen, immerzu fröstelnden Menschen. Eine Grotte, in der drei Greise hocken, schlafend an den Felsen gelehnt. Brunnen, tiefer als das Meer. Wälder, schwärzer als die Nacht. Ein Geisterschiff, das davonfährt und ein rätselhaftes, todtrauriges Mädchen am Strand zurückläßt. Ein Schäfer und eine Schafherde, die sich verlaufen haben, irgendwo, nirgendwo, und den Heimweg in den Stall nicht mehr finden.

Und alle, alle weinen. Das Meer weint, der Wald weint, die Schafe weinen, und am meisten, wie sollte es anders sein, weinen die Liebenden. Ja, ihre größte, vielleicht ihre einzige Ekstase ist es, im dunklen Zimmer zu sitzen, zum Fenster zu starren, hinaus ins fahle Licht – und dann gemeinsam zu weinen.

Seltsam. Maurice Maeterlinck hat das Drama, das bleich- und wassersüchtige Märchenspiel von "Pelléas und Mélisande", gedichtet – einen Text, in dem das Schweigen, Frieren und Weinen mit zu vielen leeren, feierlich dröhnenden Worten beschworen wird. Claude Debussy hat das überaus hinfällige Drama in eine wahrscheinlich unsterbliche Oper verwandelt – in eine Musik, die Maeterlincks kostbaren Schwulst tatsächlich in das reine Rätsel verwandelt, in eine "Musik des Schweigens". Eine Musik, die verstummt, wo Maeterlinck dröhnt. Die sich auflöst ins abstrakte Spiel, wo Maeterlinck schnulzt. Die kühl mit Licht und Schatten spielt, wo der Dichter von "Seelen" und "Herzen" singt. So etwas wie die letzte romantische Oper hätte man aus "Pelléas und Mélisande" machen können – Debussy hat eher die erste Oper der Neuzeit komponiert. Er war, schreibt der Regisseur Peter Brook, "ein Abenteurer und Revolutionär" und keineswegs der "süße Träumer", als den ihn die Legende lange ausgab.

Im wundersam verfallenen Pariser Theater Bouffes du Nord hat Peter Brook nun Maeterlincks Drama und Debussys Oper in ein Musiktheaterstück der dritten Art verwandelt: "Impressions du Pelléas", elf Jahre nach der Sensation von "Carmen" an derselben Stätte.

Höchst seltsam alles, denn es gibt keinen Wald auf der Bühne, kein Schloß und kein Meer. Keine Grotte mit schlafenden Greisen und keine verirrten Schafe. Alle Überreste der romantischen Oper (die Debussy nicht schreiben wollte) sind vollends verschwunden. Alle sogenannten Seltsamkeiten sind verbannt – und doch (das ist das Seltsamste von allem) ist das Ergebnis nicht ernüchternd, sondern mysteriös.

Die Bühne ist kein Schloß am Meer mitsamt Wald und Brunnen. Die Bühne ist ein bürgerlicher Salon. Ein paar Sessel und ein Diwan, mit kostbaren Tüchern bedeckt. Ein orientalischer Wandschirm. Ein paar große Perserteppiche, abgetreten, ausgebleicht. Eine Vase mit Blumen, ein großes Glas mit Fischen. An der Rampe zwei mächtige Petroleumlampen. Und mitten in der Szenerie, was einst zu einem Großbürgerhaushalt gehörte: ein Konzertflügel (Marke Bechstein).