Von Christoph Bertram

Helle Gebäude, grüne Rasenflächen dazwischen, in der Mitte die stattliche Backsteinkirche – und überall flanierende Studenten, bekleidet mit T-Shirts und Jeans: Austin College in der nordtexanischen Stadt Sherman sieht aus, wie eine kleine amerikanische Privathochschule nun einmal auszusehen hat: freundlich, proper, heile und – teuer. Wie typisch sie für das sorgengebeutelte Amerika heute noch ist? Da fragt man lieber nicht. Aber eins ist gewiß: Wenn alle so wären wie dieses kleine College, ginge es Amerika nicht schlecht, und vor allem Amerikas Studenten nicht.

Austin College, im Lehrniveau irgendwo zwischen deutschem Gymnasium und deutscher Universität angesiedelt, ist, so das Credo aller, vom Präsidenten bis zum freshman, "studentenorientiert". 85 Professoren unterrichten hier 1200 Studenten, die zumeist in Wohnheimen auf dem Campus leben. Und unterrichten heißt hier: in kleinen Klassen, kleinen Gruppen lehren, diskutieren.

Jim Knowlton, einer der beiden Germanistikprofessoren, der in Deutschland über DDR-Literatur gearbeitet hat, sagt kurz und knapp, was ihn bewogen hat, dem Ruf nach Austin zu folgen: "Weil ich keine Trennung zwischen meinem Berufsleben und meinem Privatleben wollte." Wenn ein Student ihn am Wochenende anruft, weil er mit seiner Hausarbeit nicht zurechtkommt, findet Knowlton das nur normal.

Das mag so radikal nicht für alle seine Kollegen gelten. Aber wer in Austin Professor wird, der hat sich damit gegen die großen Forschungs- (und Massen-)Universitäten entschieden, gegen akademischen Veröffentlichungsehrgeiz und für den individuellen Dienst am Studenten. Shelton Williams etwa, der hier Internationale Politik lehrt, reist mit seinen seniors (Studenten des letzten der vier College-Jahre) jedes Frühjahr nach New York zu einer Uno-Simulationsübung. Einmal monatlich trifft sich eine kleine Professorengruppe, reihum in den Privatwohnungen, bei Cola und Butterbrot, um über neue Lehrmethoden zu debattieren. Die College-Bibliothek ist 99 Stunden in der Woche geöffnet, ein Teil davon sogar rund um die Uhr.

Aus- und Absteiger gelten als Fehlschlag, auch für das College. Nur 61 Prozent aller Studenten, die sich im ersten Jahr immatrikulieren, schließen das vierjährige Studium in Austin auch ab – zuwenig, klagt Präsident Harry Smith, ein bedächtiger Theologe, der das College seit 1978 leitet. Bei Harvard, notiert er neidisch, seien es 92 Prozent. Und so kämpft Austin um jeden Studenten, versucht die Unterbringung und das Lehrangebot zu verbessern, die Sportanlagen aufzumöbeln, Stipendien zu erhöhen und bei der beruflichen Stellenvermittlung zu helfen. Die Professoren sind längst daran gewöhnt, jedes Jahr von ihren Schülern Zensuren zu bekommen – und stolz darauf, wenn sie gut dabei abschneiden.

Gewiß, das pädagogische Engagement ist nicht nur Selbstzweck. Das College ist höhere Bildungsanstalt und Unternehmen, der Jahresumsatz beträgt rund 21,5 Millionen Dollar. Die Studenten sind auch deshalb König, weil sie (beziehungsweise ihre Eltern) zahlende Kunden sind. Die jährliche Vorlesungsgebühr beträgt in Austin zur Zeit 9365 Dollar (zum Vergleich: Elite-Universitäten wie Princeton oder Stanford nehmen über 20 000 Dollar), Unterbringung im Studentenheim kostet 1675 Dollar und Verpflegung in der vorzüglichen Mensa rund 2000 Dollar. Etwa 80 Prozent der Studenten erhalten finanzielle Hilfe durch staatliche Darlehen, Stipendien und College-Jobs. Zwar decken die Einnahmen aus den Vorlesungsgebühren nur 45 Prozent der Kosten eines Studienplatzes; der Rest kommt aus Spenden und Erträgen des College-Vermögens zusammen. Aber wenn die Zahl der Studenten sinkt, kommt auch Austin in Bedrängnis; andere Hochschulen haben schon empfindliche Sparpläne beschließen müssen.