Von Ute Naumann

War das Gehirn von Markus drei oder fünf Minuten ohne Sauerstoff? Dauerte das Freispülen des verstopften Tubus 15 oder 45 Sekunden? Wie viele Spülversuche hat der Arzt gemacht?

Immer und immer wieder sind diese quälenden Fragen in einem Gerichtsverfahren gestellt worden, das sich über fünf Jahre hinzog. Nicht eine konnte mit letzter Sicherheit beantwortet werden.

Markus, zu früh geboren, lag 1983 und 1984 viele Monate auf der Intensivstation der Bonner Universitäts-Kinderklinik. Er mußte beatmet werden, dabei gab es immer wieder Komplikationen, weil sich in dem hauchfeinen Atemschlauch, der in der Luftröhre des Säuglings steckte, Sekrete absetzten. Am Morgen des 4. Mai 1984 versuchte der damalige Assistenzarzt Dr. R., den verstopften Tubus freizuspülen, und dabei machte er verhängnisvolle Fehler.

Für Markus ist es heute unerheblich, ob sein Gehirn drei oder fünf Minuten ohne Sauerstoff war. Die Folgen sind so oder so katastrophal: Er ist seither geistig und körperlich schwerbehindert. Er kann ohne Hilfe nicht gehen und nicht stehen. Er ist blind.

Der beklagte Arzt, seine vorgesetzte und mitverantwortliche Oberärztin und das Krankenhaus reagierten erwartungsgemäß: Sie wiesen die Schuld von sich. Das ist in "Kunstfehler"-Prozessen üblich, das tun fast alle. Gerichte müssen deshalb zur Klärung der Zusammenhänge Sachverständige hinzuziehen.

Über die Abläufe am Morgen des 4. Mai 1984 haben drei Sachverständige ihr Urteil abgegeben: Der erste verstrickte sich in Widersprüche, und der zweite versuchte, den ersten zu widerlegen. Pia Rumler-Detzel, die Vorsitzende Richterin am Arzthaftungssenat des Oberlandesgerichtes Köln, schaltete daher einen dritten Fachmann als Obergutachter ein.