Von Rainer Frenkel

Berlin

Richtig auf ihre Kosten gekommen sind bisher nur einige der Gerichtsdiener. Sie brüllen herum und fluchen, legen auch schon einmal Hand an, wenn Unbotmäßigkeiten zu ahnden sind.

So ähnlich muß es gewesen sein, als der Hauptmann von Köpenick hier im Moabiter Kriminalgericht für seine Anmaßungen aus dem Jahre 1906 bestraft wurde. Vielleicht haben die Rauhbeine von heute sich ihre preußischen Vorgänger schnell noch einmal im Film angesehen.

Im übrigen hat der Prozeß gegen Erich Honecker und seine fünf Mitangeklagten noch keine historischen Dimensionen. Nach zwei Verhandlungstagen mit insgesamt gut hundert Verhandlungsminuten gibt es nur ein Thema: den Krankheitszustand der drei bekanntesten unter den Angeklagten.

  • Der 78jährige frühere DDR-Ministerpräsident Willi Stoph, seiner Krankheit wegen auf freiem Fuß, war am Donnerstag vergangener Woche erst gar nicht erschienen. Dem präsentierten privatärztlichen Gutachten folgten gerichtsärztliche Atteste: "instabile Angina pectoris", "Blutdruckkrisen", die zu "lebensbedrohlichen Situationen" führen. Das Gericht glaubt selbst, Stoph sei "auf absehbare Zeit nicht verhandlungsfähig" und hat das Verfahren gegen ihn abgetrennt und vorläufig eingestellt.
  • Der 84jährige einstige Stasi-Minister Erich Mielke ist seinem zweiten Prozeß nach einem Gutachten vom Montag dieser Woche ebenfalls gesundheitlich nicht mehr gewachsen. Das Gericht "beabsichtigt", auch diesen Verfahrensteil abzutrennen. Da waren’s nur noch vier. Das Strafverfahren gegen Mielke wegen der Polizistenmorde aus dem Jahre 1931 wird freilich weitergeführt.
  • Der 80jährige Erich Honecker, schwer krebskrank, erlitt am zweiten Verhandlungstag einen Schwächeanfall. Nach einer Untersuchung durch den anwesenden Arzt mußte der Vorsitzende Richter Hansgeorg Bräutigam "aufgrund des Gesundheitszustandes" unterbrechen.

Die anderen drei: Heinz Keßler, 72 Jahre alt, einst für wenige Jahre Verteidigungsminister; Fritz Streletz, zuletzt Keßlers Vertreter, 66 Jahre alt; schließlich Hans Albrecht, 72 Jahre, früher SED-Bezirkschef von Suhl.