Alle sechs Männer nahmen an der Sitzung des Nationalen Verteidigungsrats (NVR) vom 3. Mai 1974 teil. In diesem Gremium, dessen Hauptthema die Sicherung der Grenze im Westen war, soll an jenem Tag der "Schießbefehl" formuliert worden sein.

Das aber glaubt inzwischen nicht einmal mehr die Anklage, weshalb die Zusammenstellung der Beschuldigten etwas kurios wirkt. Ihnen wird vorgeworfen, durch ihr Tun im NVR die Todesfälle an Grenze und Mauer verursacht zu haben des Totschlags also schuldig, "ohne Mörder zu sein".

Die noch fünf Angeklagten, die da mit ihren Verteidigern zu Füßen des Gerichts sitzen, bilden einen merkwürdigen Kontrast zu ihrer schrillen, aufgeregten Umgebung. Während vor dem Gebäude, in den Gängen und auch im Saal hektisches Gedränge auf große Ereignisse hinweist, sitzen sie, eine halbe Stunde zu früh, einfach da. Bis auf Erich Mielke, der nur zufällig in den Prozeß hineingeraten scheint und wie unbeteiligt auf seinem Stuhl hockt, strahlen sie mit ihren grauen und blauen Anzügen biedere Seriosität aus.

Erich Honecker, keine Frage, ist der Anführer. Vor allem am ersten Tag gibt er den Staatsmann; so, wie er halt tausendmal in Kamera-Augen geblickt hat, ernst, konzentriert, würdevoll. Zwischendurch ein Blick in die Akten, eine kurze Bemerkung zu seinem Anwalt. Und als es einmal aus dem Publikum schallt: "Erich. Grüß dich. Rotfront", da antwortet er mit zum V gespreizten Fingern, als gäbe es noch einmal eine Zeit zum Siegen.

Am zweiten Verhandlungstag wird man ihm ansehen: Der Mann hat verloren. Er geht schwer, antwortet kaum vernehmlich auf Bräutigams Frage, ob er noch folgen könne: "Jetzt nicht mehr." Und als er dann abgeführt wird, sieht es eher danach aus, als brauche er eine Stütze. In diesem Augenblick hallt ein Satz nach, den Wolfgang Ziegler, einer seiner Verteidiger, eine Stunde zuvor gesagt hatte: "Dem Strafanspruch sind die Grenzen der Menschenwürde gesetzt."

Es wäre schön, wenn auch die Zuschauer (einschließlich der Journalisten) diese Grenze sähen. Doch lange Zeit vor Verhandlungsbeginn und möglichst lange noch danach, so lange, bis sie buchstäblich hinausgeworfen werden, stehen sie auf Stühlen und Bänken. Und gaffen auf die fünf da vorn. Die einen auf Vergeltung bedacht, die anderen alte Kameraden. Und von denen erlebt einer gleich zu Beginn eine böse Enttäuschung. "Erich", sagt er vor sich hin, als Bräutigam naht, "steh nicht auf. Dann erkennst du das Gericht an." Doch Honecker erhebt sich brav, auch Erich Mielke, der das in seinem Polizistenmordprozeß nicht tut.

So hat der Vorsitzende Richter noch wenig Grund zur Klage. Nur einmal muß er intervenieren, als ein Anwalt der Nebenkläger sich das Wort nimmt, ohne es zu haben. Gut, daß Bräutigam nur selten eingreifen muß. Denn er hat erkennbar, in der Sprache der Sportjournalisten, noch nicht ins Spiel gefunden.