Zum Beispiel am Ende des ersten Verhandlungstages. Da geht es um den nicht erschienenen Willi Stoph. Der Staatsanwalt will für heute abbrechen, um bis zum nächsten Verhandlungstag zu entscheiden, ob Stoph mitmachen muß oder nicht. Der Richter will diese Entscheidung zurückstellen. Honeckers Anwalt Nicolas Becker will auch unterbrechen oder eine Gerichtsentscheidung übers Zurückstellen, also darüber, daß es offiziell weitergehen soll, obwohl unklar ist, wie viele Angeklagte noch dabei sind. Die Staatsanwälte halten sich zurück. Becker dazu: "Sie finden also den Vorschlag (des Richters, zurückzustellen) evident falsch?" Nach einer Beratungspause von achtzehn Minuten, genausolang wie die Verhandlung bis dahin, ist auch Bräutigam klar: Der Prozeß muß unterbrochen werden, bis Klarheit herrscht über Willi Stoph.

Die ist nun gewonnen am zweiten Tag, dem Tag der ersten Abrechnung mit Hansgeorg Bräutigam: Die Verteidiger Honeckers versuchen, ihn wegen Besorgnis der Befangenheit abzulehnen. Das ist ein durchaus gewöhnliches Manöver in einem Strafprozeß auch geringeren Kalibers. Doch was Wolfgang Ziegler den Berufsrichtern vorhält, ist denn doch hier und da ungewöhnlich, läßt ihn eine "Vorverurteilung" ahnen. Und er sagt: Hier werde "nicht im Namen des Volkes sondern nach und für Volkes Stimme" gehandelt. Die Hauptvorwürfe sind:

  • Das Präsidium des Landgerichts, dem Bräutigam selbst angehört, habe die nach Anfangsbuchstaben des jeweils ältesten Angeklagten festgesetzten Zuständigkeiten so lange hin und her geschoben, bis die von Bräutigam frisch übernommene Kammer den Fall hatte. Vorgeschrieben sei dagegen, daß Angeklagte ihren gesetzlichen Richter "blindlings" erhielten und nicht als Ergebnis, einer Manipulation.
  • Noch vor der Eröffnung hätten die Richter klargemacht, daß der Prozeß stattfinden würde.
  • Die Abtrennung von 56 Einzelfällen der ursprünglich 68, die die Anklage enthält, sei "ein Kunstgriff", von dem sich die Richter angesichts der Krebserkrankung Honeckers "die Rettung des Prozesses erwarteten".
  • Die Behauptung, Honecker sei verhandlungsfähig, sei "ein bedrückendes Zeichen von Voreingenommenheit". Honecker werde den Prozeß "in Kurz- oder Langfassung nicht überleben. Das tumorose Geschehen besitzt eine erhebliche Aggressivität." Jedenfalls hat der Tumor seine Größe innerhalb von zwei Monaten verdoppelt. Der Gutachter aber, der das so schlimm nicht fand, habe Honecker gar nicht selbst untersucht.
  • Beim psychischen Befund lasse "man gelten, was den Prozeß rettet, was ihn gefährdet, nimmt man nicht zur Kenntnis". Wenn ein Gutachter sage, Honecker sei allenfalls eine Stunde lang in der Lage zu folgen, rühre das nicht an die Überzeugung der Richter, drei Stunden sollten es schon sein.
  • Alles in allem: Die Richter hätten gezeigt, daß sie den Prozeß und ein Urteil unter allen Umständen wollten. Ein "vernünftiger Angeklagter", der Honecker offenbar sein will, könne daher nicht mehr daran glauben, daß er hier "unabhängig, neutral und unvoreingenommen" beurteilt werde.

Folglich sei Bräutigam abzulehnen. Ein Fall, mit dem sich nun die 51. Strafkammer zu befassen hat. Ob sie dem Antrag folgen wird, steht dahin. Die Justiz-Auguren auf den Gängen, von denen es in diesen Tagen viele gibt, glauben nicht, daß auch nur irgendeinem anderen Richter an diesem Prozeß gelegen sein könnte. Als ob es darauf ankäme.

Ein Makel jedenfalls bleibt. Wie um den zu beheben, fragt Hansgeorg Bräutigam zum Schluß des zweiten Verhandlungstages fürsorglich, ein wenig hilflos und bald die Antwort unterbrechend: "Herr Honecker, Herr Honecker: Wie geht es Ihnen?"