Bonn

Das Profil der Handgranate grub sich tief in die Wand ein. Vier angetrunkene Marineoffiziere hatten den Übungssprengsatz Woche auf ein Ausländerheim nahe der Kiel-Holtenauer Kaserne geschleudert. Wie ein Menetekel erschreckte die Wurfspur die Öffentlichkeit und die Bundeswehrführung. Tags zuvor war ein Kommandeurbrief von Heeresinspekteur Generalleutnant Helge Hansen bekanntgeworden. Er berichtete vom Erstarken rechtsradikaler Gruppen, von paramilitärischem Treiben und widerrechtlicher Nutzung von Übungsplätzen.

Die Bundeswehr zählte in diesem Jahr bereits zwei Dutzend "Vorkommnisse" mit ausländerfeindlichem oder rechtsradikalem Inhalt. Zumeist waren Soldaten im Grundwehrdienst beteiligt, vereinzelt, wie in Kiel, aber auch Offiziere. In Magdeburg steht ein früherer Unteroffiziersanwärter vor Gericht, der beim Überfall von sechzig Skinheads auf die Gaststätte "Elbterrassen" mitgemacht haben soll. Drei Menschen starben.

Ende vergangenen Jahres hatte Generalinspekteur Klaus Naumann erstmals auf wachsende rechtsradikale Tendenzen in der Truppe hingewiesen. Er zählte damals vier Fälle. Heute lassen sich bereits 26 Beispiele von "vereinzelt auftretendem Fehlverhalten" auflisten. Bringt hier eine winzige Minderheit die große Zahl von 400 000 Soldaten in Mißkredit? Werden Kasernenhöfe zum Exerzierplatz der Extremisten? Gerät die Truppe in schlechte Gesellschaft?

Die Verteidigungspolitiker der großen Parteien sprechen dieser Angstvorstellung vorerst jeden Gehalt ab. Doch beruhigt zurücklehnen mochten sie sich ebensowenig wie die militärische oder politische Führung. Zwar bleibt, statistisch gesehen, die Gewaltbereitschaft bei den Streitkräften deutlich hinter der latenten oder offenen Brutalität der übrigen Gesellschaft zurück. Aber die Bundeswehr kann sich weniger als jede andere Institution einen solchen Makel erlauben. Sie sei "genauso gut oder genauso schlecht wie die Gesellschaft", erklärt jetzt General Hansen. Nur genügt es eben nicht, bloßer Spiegel der Gesellschaft zu sein: Der Staatsbürger in Uniform muß zugleich als Vorbild auftreten. Mit "grobem Unfug" oder den Streichen "dummer Jungs" sind deshalb solche "Vorfälle", wie das ein Bundeswehrsprecher anfangs versucht hat, nicht wegzuentschuldigen.

Soldaten aus Ostdeutschland sind an den Vorkommnissen verhältnismäßig oft beteiligt. Ihr Weg führt von der Arbeitslosigkeit über die Kaserne in die Arbeitslosigkeit. Die wenigen Monate Ausbildung bei der Truppe, meint ein Fachmann, könnten nicht mehr wettmachen, was Elternhaus und Schule zuvor nicht leisteten. Der übermächtige Einfluß des Milieus – schließlich soll der Rekrut heimatnah ausgebildet werden – erklärt auch bei Westdeutschen so manche Randale. Im Osten kommt erschwerend hinzu, daß demokratische Bewußtseinsbildung für viele überhaupt erst mit dem staatsbürgerlichen Unterricht innerhalb der Bundeswehr beginnt.

Am Ende dieses Unterrichts bleibt freilich hoch immer viel Ungewißheit. Denn die alten Grenzen und Fronten sind verschwunden und mit ihnen das geläufige Feindbild; der Osten ist längst gut Freund und ein halber Verbündeter. Kurz, das Selbstbewußtsein, auch das Selbstverständnis der neuen Bundeswehr ist diffus. Ihr demokratischer Auftrag wird gerade darum wichtiger denn je.