Von Ralf-Peter Märtin

Regensburg grüßt von ferne herüber. Durch die ungeputzten Scheiben des Eisenbahnwaggons ist das Wahrzeichen der Stadt, die weiße Wolke aus dem Schlot der Südzucker AG, auszumachen. Ein süßlicher, durch die Fensterritzen dringender Geruch verkündet den Beginn der Rübenernte.

Es ist Sonntag, der 18. Oktober. Auf den Tag genau vor 150 Jahren kam Ludwig I., König von Bayern, durch die Stadt, um die Walhalla, "das Kind meiner Liebe", einzuweihen. Der König hatte Glück, damals war das Wetter besser, heute freilich herrscht statt Altweibersommer ein naßkalter Herbst. Aber der 18. mußte es sein, zum Gedenken an die Völkerschlacht bei Leipzig, die Napoleons Untergang besiegelte. Deswegen hatte Ludwig schon die Grundsteinlegung 1830 für den 18. Oktober beschlossen. Er blieb diesem Datum bei der Einweihung zwölf Jahre später treu.

Auch wir können uns dieser magischen Zahl nicht entziehen. Hinunter zur Donau pilgern wir, dem Schiff entgegen, das uns stromab zur Walhalla tragen wird. Geboten wird am Abend des 18. um 18 Uhr 18 (Karnewalla?) "ein musikalisches Pracht-Feuerwerk mit Musik von Komponisten, deren Büsten in der Walhalla aufgestellt sind".

Jetzt ist es 17 Uhr. Im warmen Bauch des Schiffes haben wir Platz genommen, draußen dämmert es gehörig, und wir legen ab. Es herrscht eine fröhliche Stimmung, die ersten Halben kreisen, die Fernsehteams von Antenne Bayern und anderen Anstalten putzen die Linsen, und mitten in den Verzehr des Wurstsalats fällt die Ansprache des Regierungspräsidenten. Die ist kurz, aber schwer verständlich, weil sich die Anwesenden in ihren Privatgesprächen nicht besonders stören lassen. Tags zuvor war Staatsakt der Bayerischen Staatsregierung in der Walhalla, und der Kultusminister hat gesagt, daß Ludwig I. nicht die Absicht gehabt habe, "eine Weihestätte für überbordendes Großmachtstreben oder nationalen Dunkel zu schaffen". – "Ist doch prima", sagt mein Nachbar zur Linken und hebt sein Glas, um mit mir anzustoßen, "Null problemo!".

Der Professor für Kunstgeschichte, der den Festvortrag hielt, hat sogar betont, daß wir uns mit dem Nationaldenkmal Walhalla nicht nur identifizieren können, sondern sogar dürfen. Denn "ihre staatstragende Bedeutung hat sie nicht nur behalten, sondern, genaugenommen, voll erst in unserem Jahrhundert gewonnen. Die Bayerische Staatsregierung bezeugt diese Aktualität, indem sie das kulturelle Vermächtnis Ludwigs I. in der Walhalla fortentwickelt und sich damit bildhaft zugleich in die Tradition der Aufklärung stellt."

"Genau", sagt mein Nachbar zur Rechten. "Ein Prost auf die Aufklärung der Bayerischen Staatsregierung in der Walhalla." Artig gebe ich Bescheid.