Vor zwanzig Jahren konnte man in Sante Fé de Bogotá morgens noch die Hähne krähen hören, sagen die Einheimischen. Heute brummen die Dieselgeneratoren los, noch bevor der Straßenlärm aufbrandet. Gegen Mittag dann legt sich über die kolumbianische Metropole eine mit Schwefel und Kohlenmonoxyd gesättigte giftgrüne Suppe, die kaum mehr das Sonnenlicht durchläßt.

Selbst im vornehmen Norden wird ein Spaziergang zu einem Amoklauf zwischen Kamikazefahrern, offenen Kanaldeckeln und knatternden Kleinkraftwerken mitten auf dem Trottoir. Derweilen melden die Zeitungen: Die Kolumbianer wissen nicht, ob sie aus Angst oder an Atemnot ersticken sollen. Im Frühjahr hat der Präsident pro Tag neun Stunden Stromsperre verordnet, jetzt kommt das Kriegsrecht noch hinzu. Beide Maßnahmen demonstrieren die ganze Hilflosigkeit der Regierung.

Kolumbien könnte reich sein; es fördert mehr Erdöl, als es selbst verbraucht. Stromsperren trotz Energieüberfluß – wie erklärt sich dieser Widerspruch? Seit 1987 wurde nicht ein einziges neues Kraftwerk gebaut. Es seien ja genug da, meinten die Verantwortlichen. Und Washingtons Weltwährungsfonds trat ihnen an die Seite: Kolumbiens Energiesektor sei für ein Drittel seiner Auslandsschulden verantwortlich, da müsse gespart werden. Also wurden Rücklagen gestrichen und Gelder für Instandhaltung der bestehenden Kraftwerke gleich dazu. Während der Rezession waren die Folgen kaum zu spüren, aber als die Konjunktur wieder anzog, zeichnete sich der Energieengpaß schnell ab. Nur merkten es die Bürokraten in Bogotä zu spät. Zuverlässige Statistiken fehlen dem Energieminister mindestens ebenso wie fachkundige Mitarbeiter, dafür ist sein Haus mit subalternen Bürokraten vollgestopft.

Doch selbst der gescheiteste Minister wäre überfordert, alle öffentlichen Stromversorgungsunternehmen Kolumbiens zu kontrollieren und zu lenken, denn die Regionen und Städte lassen sich nicht in die Karten schauen. 35 große meist öffentliche Stromerzeuger und -verteiler dienen in erster Linie als politische Durchlauferhitzer und erst in zweiter Linie der Energieversorgung. Die Interconexiön Eléctrica, eine Gesellschaft mit mehrheitlich staatlichem Kapital, ist seit 1967 formell zuständig für die Verteilung des Stroms im Lande. Aber die Preise diktiert das Kartell der Stromerzeuger, deren Direktoren, "mit Prozenten", wie man munkelt, an den Kontrakten beteiligt sind. Erklärt sich so das Sechs-Milliarden-Peso-Loch (16 Millionen Mark) bei der Interconexiön – das natürlich Vater Staat stopfen soll?

Was auf der einen Seite fehlt, ist auf der anderen im Überfluß vorhanden. Kolumbien erwirtschaftet mit seinem Erdöl, auf das ein Viertel aller Ausfuhren entfällt, mehr Geld als mit dem Traditionsprodukt Kaffee. Ein Fünftel aller staatlichen und privaten Investitionen fließen in den Petrosektor. Die Mineralölindustrie finanziert den Löwenanteil des Staatshaushaltes. Die Einnahmen aus der Erdölförderung und -verarbeitung könnten noch weit höher sein, wenn die Regierung das flüssige Gold höher besteuern würde. Benzin kostet in Kolumbien rund 21 Dollar pro Faß; das ist zwar doppelt soviel wie im benachbarten Opec-Land Venezuela, aber um ein Drittel weniger als im Ölland Mexiko und nur ein Fünftel von dem Betrag, den beispielsweise die Argentinier für ein Faß Benzin hinblättern müssen.

Das billige Benzin führt zur Verschleuderung der Ressourcen und zur Vergiftung der Luft. Haushalten lohnt sich nicht. Kolumbianische Autos saufen im Durchschnitt doppelt soviel Sprit wie die der OECD-Länder. Würde der Benzinpreis auf das Weltmarktniveau angehoben, könnte man mit dem zusätzlichen Geld binnen vier Jahren den gesamten Wagenpark Kolumbiens erneuern, Medellins Metro endlich fertigstellen und neue Wasserkraftwerke finanzieren. Unter Präsident Virgilio Barco, der wie George Bush selbst mit Erdöl reich geworden war, genoß die Petrochemie höchste Priorität. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Die staatliche Holding Exopetrol kann frei walten und schalten; Nebenprodukte der Erdölverarbeitung dienen auch als Grundstoffe bei der Kokainherstellung.

Doch solange die Quellen sprudeln und der Staat nicht abkassiert, sieht die Ölindustrie keinen Anlaß, über Sparmaßnahmen und Alternativen zu diskutieren. So leben die Kolumbianer in einer paradoxen Situation: Stromsperren auf der einen Seite – überquellende Ölfässer auf der anderen. Den Preis dafür zahlen die Bürger mit ihrem Geld und ihrer Gesundheit. Das große Geschäft aber machen die Händler mit japanischen Dieselgeneratoren. Carl D. Goerdeler