Oder hätte der zuverlässige Bericht vom "Kunstmessehöhepunkt des Jahres" mit Beckmann Max zu beginnen? Mit dem "Bildnis eines unbekannten Teppichhändlers" aus Frau Quappis Nachlaß (Galerie Pels-Leusden). Mit Bacons "Reclining Figure" auf dem Stand der Londoner Galerie Juda. Mit dem Schlemmerschen Figurenpaar von 1937 (Galerie Gmurzynska). Mit den rechtschaffen bezifferten Jawlensky-Blumensträußen, die der Münchner Galerist Thomas im Angebot hat. Mit der wunderbar düsteren Picasso-"Minotauromachie", die der Genfer Krugier über seinen Frankfurter Kollegen Meyer-Ellinger nun auch schon von Messe zu Messe reicht, weil wir immer noch nicht die 1,3 Millionen Dollar beieinander haben.

Kunstmesse eben. Dort Museum, hier Salon. Da die aufregenden Rodschenko-Photos aus der Zwanziger-Jahre-Sammlung der Lilja Brik, die wir bei Natan Fedorowskij entdecken. Und da die ungleich weniger aufregende Regalplastik von Heimo Zobernig (1 Spanplatte + 4 Wandwinkel für 13 000), die wir bei Anselm Dreher fast nicht entdeckt hätten. Ein kleines Verweilen im Bann des absolutistischen Schönheitssuchers Gerhard Merz (Galerie Konrad Fischer). Und ein kleiner Traueranflug über den artistischen Verschleiß, den sich Nam June Paik mit seinem Video-Epitaph auf Joseph Beuys leistet (Galerie Hans Mayer). Eben noch der unbekannte Maler, der uns in die Hand verspricht, der einzige zu sein, der das Berufsprädikat auch verdient. Und schon stehen wir vor den bildnerischen Auswürfen der neu formierten Künstlergruppe DARM. Hier die noble Patina auf den Bildern des deutschen Informel. Und da die mattlackierte zynische Vernunft, die noch mit den Wrackteilen des Boeing-Absturzes über Lockerbie ästhetische Gewinne macht (Ronald Jones’ "Silver Desaster" bei Lehmann aus Lausanne). Kunstmesse eben.

Das Stupende und das Schwachsinnige in pfleglicher Nachbarschaft. Schönste Beispiele für die ungebrochene Selbsterneuerungskraft der Künste. Und nicht minder anrührende Exempel für die ewige Wiederkehr des Gleichen und die schier unerschöpfliche Beleihbarkeit des Erbes. Daß alles so kollegial beieinander hängt und so hierarchielos nebeneinander steht und so teppichbodengedämpft miteinander daliegt, das Kuriose und das Bedeutende, die Altlast und die neue Leichtigkeit, das macht die Kunstmesse zu einem der vielleicht letzten Orte, wo noch praxisnahe Studien über das Erhabene möglich sind. Ein Kopf-Bild von Jean Fautrier (Galerie Limmer), und unser Glaube an die Kunst scheint unerschütterlich. Jonathan Borofskys entschlossene Zweitverwertung seines documenta-"Walking man" (Galerie Albrecht), und wir haben unseren Glauben an die Kunst schon wieder verloren. Die sich zart versteckenden Text-Ding-Poesien des Ulrich Meister und in Rufweite Ben Vautiers bellend bildschriftlicher Appell "Jetzt Zugreifen".

Was bleibt noch zu tun? Menschenfreie Stadtsilhouetten sind zwar auch schon mal gemalt worden, gehen aber noch immer (Michael Bach). Hilla Rebay von Ehrenwiesen hat es zwar nicht zu einem der vorderen Plätze in der Kunstgeschichte gebracht, zählt aber als weiland Guggenheim-Muse zur Prominenz und darf dank vorsichtiger Anfangspreise für kleinformatig Buntes mit erwachendem Marktinteresse rechnen (Galerie Portico aus Los Angeles). Der eine lockt mit Blättern aus dem Fundus der Dresdener zwanziger Jahre (Galerie Remmerth und Barth). Und der andere (Galerie MXM aus Prag) setzt entschieden auf den Maler Petr Niki, dessen anständig gemalter "Junge" sich ohne Anstandsprobleme seiner kindlichen Notdurft entschlägt.

Herr Reinz übrigens sagt, daß von Krise keine Rede sein könne. Herr Reinz ist Vorsitzender des Bundesverbandes deutscher Galerien und in diesem Amt zuständig für drohende, faktische oder herbeigeredete Krisen. Die rund 270 Aussteller, die sich zur 26. Wiederbegehung des Kölner Kunstmarkts eingefunden haben, seien Beweis genug, daß der Branche allenfalls ein Formtief attestiert werden dürfe. Deshalb ein für allemal: "Eine Krise in dem Sinne gibt es nicht, denn es wird verkauft und gekauft." Sagt Herr Reinz. Nun könnten wii einwenden, daß ein paar Stammgalerien in diesem Jahr erst gar nicht angetreten sind (Munro zum Beispiel und Ascan Crone aus Hamburg oder Nächst St. Stephan aus Wien). Und daß es zumindest auffallen mußte, wie viele Händler ihre preisgünstigeren Offerten (also Arbeiten bis zu 5000) nach vorne gehängt haben. Und daß wir für ein ausgewachsenes Bild von Julian Schnabel anderswo auch schon höhere Kredite hätten aufnehmen müssen. Aber dieses kann gar nicht verfangen, weil Herr Reinz uns sofort all die eindrucksvollen roten "Verkauft"-Punkte zeigen wird. Und all die eindrucksvoll teuren Bileer, denen wir sogar in öffentlichen Sammlungen wiederbegegnen werden.

Immerhin, für zwei Dutzend Galeristen scheint das selbstzufrieden kreisende Kunstmessekarussell dann doch an Attraktivität verloren zu haben. Unter Anstiftung der Kölnerin Tanja Grunert haben sie sich zu einer Gegenveranstaltung ("Unfair ’92") in den "Balloni"-Hallen zusammengefunden. Dort haben wir zwar ziemlich gefroren und nicht immer mit Erfolg Saalbeschriftung und Kojenlayout voneinander unterscheiden können. Aber der kolossal rauchhaltige Sezessionsgeist hat uns passionierten Sezessionisten nicht übel gefallen.

Zu kaufen und verkaufen gab es vermutlich nichts. Rückt doch auch Künstler Rudolf Bumiller (Galerie Annette Gmeiner) seine Aquarelle gar nicht mehr heraus, weil es nämlich nicht um sie, um seine Aquarelle, sondern um das Problem Kunst und Öffentlichkeit gehe. Erstmals öffentlich wurde auch eine Kunst, die in biochemischen Laboratorien in Los Angeles entsteht. Galerist Solomo machte mit David Kremers "Biogenetic paintings" bekannt. Viel haben wir nicht, so viel aber doch verstanden. Die künstlerische Autorität liegt bei genetisch umgebauten Bakterien, die in der Manier französischer Malkultur der fünfziger Jahre koloristisch vor sich hin schleimen. Was vorerst kaum mehr als Miniaturen erbringt. Nicht auszudenken, welche Bakterienkulturen für Julian Schnabels Großleinwand mit kostenintensiver Bildaufschrift im Schleimeinsatz sein müßten.

Hans-Joachim Müller