Von Barbara Ritzert

Eigentlich hatte Michael Strauss, Molekularbiologe am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin-Buch, auf seinem Arbeitsgebiet noch ein paar Jahre Grundlagenforschung betreiben wollen. Doch mittlerweile hat Strauss, wie viele seiner Kollegen, erkannt, daß er sich einer rasanten internationalen Entwicklung in der Medizin nicht länger verschließen kann – der Erprobung der Gentherapie an Patienten.

Die Übertragung von Erbfaktoren auf Körperzellen zur Behandlung menschlicher Leiden wird vor allem in den USA und mittlerweile auch in anderen Ländern im Rahmen klinischer Studien getestet. Achtzehn Studien haben bereits begonnen, neunzehn weitere sind genehmigt, und ein gutes Dutzend befindet sich in der Planung. Dabei haben die Gentherapeuten nicht mehr nur die eher seltenen Erbkrankheiten im Visier: Auch Leiden wie Krebs und Aids gelten als Kandidaten für eine Behandlung mit der "Genspritze".

Dies bleibt deutschen Patienten nicht verborgen: "Die Ärzte in den Kliniken werden mit Anfragen überschwemmt, warum in Deutschland solche Studien nicht gemacht werden", weiß Michael Strauss. Gerade den Patienten mit schweren Erkrankungen haben die Mediziner bislang oft wenig zu bieten. "Wir geraten zunehmend unter Druck", sagt Strauss.

Die deutschen Forscher – erschreckt durch die Gentechnik-Debatte – hatten sich in einer Art vorauseilendem Gehorsam gegenüber Kritikern bislang aus dem internationalen Forschungstrend ausgeklinkt. Auch die Bundesministerien für Gesundheit und Forschung hatten sich in Schweigen gehüllt. Doch nun wagen sich die Forscher aus der Deckung: Die erste deutsche Gentherapie-Studie ist genehmigt, vier weitere befinden sich in der Planungsphase.

Roland Mertelsmann und seine Kollegen von der Freiburger Universitätsklinik erhielten von der Ethikkommission der Universität die Genehmigung, im nächsten Jahr Patienten mit Dickdarm-, Nieren- und Hautkrebs (Melanom), die bislang erfolglos behandelt wurden, gentherapeutisch zu behandeln. Das Team von Mertelsmann will mit gentechnischen Methoden eine Art Impfstoff gegen die Tumoren der Patienten produzieren. Diese für jeden Patienten individuellen Impfstoffe sollen nach einer Operation das Immunsystem dazu bringen, im Körper verbliebene Krebszellen zu zerstören. Und so werden diese Impfstoffe hergestellt: Die Forscher schmuggeln im Reagenzglas die genetische Bauanweisung für einen Interleukin-2 genannten Lockstoff des Immunsystems in Bindegewebszellen der Patienten ein. Die derart umkonstruierten Zellen werden mit Tumorzellen des Patienten, die bei der Operation entnommen wurden, vermischt und nach einer speziellen Behandlung (Inaktivierung) den Erkrankten unter die Haut injiziert. Das Interleukin-2, das von den Hautzellen etwa drei Wochen lang produziert wird, soll dann die im Körper patrouillierenden Killerzellen des Immunsystems zu den inaktivierten Tumorzellen locken. Jene Abwehrkämpfer, die in der Lage sind, bösartiges Gewebe zu "erkennen", werden durch das Interleukin-2 angeregt und zur Vermehrung gereizt. Die solcherart erzeugte "schnelle Eingreiftruppe" des Immunsystems soll dann – so die Hoffnung der Ärzte – auch andere Tumorzellen, die möglicherweise noch im Körper schlummern, zerstören.

Von Experimenten mit Mäusen wissen die Forscher, daß dies im Prinzip möglich ist. Doch ob es auch beim Menschen gelingt, läßt sich nur durch klinische Studien abschätzen. Auch Michael Strauss möchte, zusammen mit Münchener und Berliner Kliniken, im Januar mit Vorversuchen beginnen, die – wenn alles planmäßig läuft – im Herbst nächsten Jahres in eine Studie an Patienten münden sollen: Die Patienten leiden an einem genetisch bedingt erhöhten Cholesterinspiegel im Blut und sind daher schon im Kindes- und Jugendalter von Arteriosklerose, Herzinfarkt und Schlaganfall bedroht. Durch die Übertragung der genetischen Bauanweisung für den sogenannten LDL-Rezeptor (er bindet Cholesterin) auf Leberzellen soll der Cholesterinspiegel gesenkt werden – ein Experiment, das in den USA bereits stattfindet. Andere deutsche Forschergruppen wollen versuchen, die Bluterkrankheit gentherapeutisch zu behandeln oder die Abwehrzellen von Krebskranken gegen die schädigende Wirkung der Krebsmedikamente per Gentransfer zu schützen.