Von Bernd Mosebach

Die Erde von Verdun ist mehrfach durchwühlt. Bombentrichter reiht sich hier an Bombentrichter. Die Landschaft nördlich der lothringischen Kleinstadt wirkt künstlich und unwirklich. Auch der Wald, der mittlerweile alles überwuchert, verdeckt nur unzulänglich die Narben der Geschichte. Verdun ist ein Symbol: eines für Völkerschlachten und Völkerhaß, doch auch für Versöhnung und Vergebung. Aber: Die Stadt mit ihrem Umland ist eine Touristenattraktion ersten Ranges. Anders gesagt: Verdun und sein Umland leben nicht schlecht vom Militärtourismus.

Bereits am frühen Morgen bilden sich lange Schlangen vor der Kasse des Fort de Vaux. Man besichtigt hier in den einstigen Kasematten ein kleines Museum mit Fundstücken, streift durch die feuchten Gänge und sieht eine Nachbildung der letzten französischen Brieftaube, die das Fort vor der Einnahme durch die Deutschen am 14. Juni 1916 lebend verlassen konnte. "Gestorben für Frankreich" steht auf einer Gedenktafel zur Erinnerung an die vielen anderen Tauben, welche das deutsche Sperrfeuer nicht überlebten.

Die Forts von Vaux und Douaumont, das große Kriegsmuseum, das berühmte Beinhaus mit seinem riesigen Friedhof, die Kasematten der Stadt und nicht zuletzt die unzähligen Bunkeranlagen, Soldatenfriedhöfe und Denkmäler locken jährlich Hunderttausende von Neugierigen an. Das Gelände ist durch gute Straßen vorbildlich für den Verkehr erschlossen. Farbige Reiseprospekte werben für die Stadt, denn kaum eine Region Europas ist-so geprägt von der Kriegserinnerung wie die Verduns. Die Anhäufung von Kriegsmuseen und Soldatenfriedhöfen ist einmalig.

Doch bloßes Erinnern, nüchterne Dokumentation und stille Mahnung treten zunehmend in den Hintergrund: Die Verwalter der Museen und Gedenkstätten glauben, daß der Tourist Aktion erwartet. Das Kriegsmuseum beispielsweise, unweit des Beinhauses gelegen, bietet eine aufwendige Dia-Show, die den Kriegsverlauf in dieser Gegend ab 1914 nachzeichnet. Frontlinien werden da markiert, Truppenteile benannt, Erfolge gefeiert und Niederlagen beklagt. Unzählige Ausrüstungsgegenstände geben zudem Einblick in den vermeintlichen Soldatenalltag: So wurde gekocht und so gegessen, so geschlafen?

Geschichte wird lebendig, der Krieg nachgespielt. Um erlebbar zu werden? Nein, denn Bilder von Toten sieht man so gut wie nie, allenfalls sterile Kreuze, die glatten Zahlen der Verluste und verbeulte Helme.

Unangefochten an der Spitze solcher Attraktionen steht die Zitadelle der Stadt Verdun. Wer die Ansichtskarten am Eingang studiert, erwartet ein Wachsfigurenkabinett, vielleicht ein Spektakel. Er wird nicht enttäuscht.