Von Gunhild Lütge

Die Begrüßung blieb nicht ohne Folgen: "Guten Morgen, Herr Klever. Ich habe Sie heute schon im Radio gehört." Doch der Unternehmensberater Klever hatte kein Interview gegeben, sondern nur ein vertrauliches Telephonat geführt – mit seinem neuen schnurlosen Apparat. Um der Post und den teuren deutschen Herstellern ein Schnippchen zu schlagen, kaufte er das Gerät im Fernen Osten, fast zum halben Preis. Bedacht hatte er dabei nicht, daß das Gerät Frequenzen nutzt, die hierzulande Rundfunksendern vorbehalten sind.

Derlei Geschichten erzählen Vertreter deutscher Produzenten gerne. Sie bieten nur von der Post zugelassene Geräte an, bei denen so etwas nicht passieren könne. Doch der gute Ruf ist seit kurzem angeknackst: Auch bei teuren Telephonen aus heimischen Fabriken können die Benutzer nicht mehr so sicher sein – dank der EG und Postminister Christian Schwarz-Schilling.

Verschwiegen hat er freilich nichts. Zwar blieb bei den schnurlosen Apparaten alles beim Alten. Dafür änderte er etwas anderes. Die Brisanz seiner Verlautbarung vom August blieb zunächst unbemerkt. Sie verbirgt sich hinter einer Formulierung, die im Bonner Amtsdeutsch so lautet: "Künftig darf jeder Funkempfänger, der den Empfang eines dem Rundfunkdienst zugewiesenen Frequenzbereiches ermöglicht und die technischen Vorschriften für Rundfunkempfänger einhält, errichtet und betrieben werden." Das ganze läuft unter dem Rubrum "Wegfall überflüssiger technischer Anforderungen". Die habe man an die geltenden europäischen Normen angepaßt. Das klingt gut – hat aber enorme Konsequenzen.

Der stern brachte sie jüngst auf den Punkt. Bei schnurlosen Telephonen könne jetzt jeder, der es darauf anlege, im Umkreis von mehreren hundert Metern mitlauschen. Betroffen seien praktisch die Inhaber aller 33 Millionen Telephonanschlüsse in Deutschland. Denn um abgehört zu werden, müsse man selbst gar keinen schnurlosen Apparat haben. Es reiche, so ein Gerät anzurufen oder von dort aus angerufen zu werden. Bestritten wird die zweifelhafte Freizügigkeit für Lauscher von niemandem. Sie ist das Resultat einer Liberalisierung. Bisher waren die Empfangsmöglichkeiten in der Bundesrepublik weitgehend auf die Rundfunkbereiche beschränkt – bis zur Verfügung des Postministers vom August. Die ließ den Betrieb von breitbandigen Empfängern zu, also speziellen Radios, die ein großes Spektrum von Frequenzen abdecken. Zu kaufen gab es sie schon immer, hierzulande aber nur "für den Export".

Im Gegensatz zu früher dürfen nun diese Radios, in Fachkreisen heißen die handelsüblichen Spezialempfänger Scanner, auch mit amtlichem Segen alles empfangen, solange auch eine Rundfunkfrequenz darunter ist: also auch Telephonate, den Funkverkehr von Polizei und Feuerwehr, von Krankenwagen oder Geldtransporten. Verboten bleibt nur, dem Ausgestrahlten auch zuzuhören oder es gar mitzuschneiden – bis auf all jene Sendungen natürlich, die, wie der Rundfunk eben, "für die Allgemeinheit bestimmt sind". Schnappt jemand "unbeabsichtigt" doch etwas auf, was für seine Ohren nicht gedacht ist, darf er es nicht weitererzählen. Damit, so glaubt man im Postministerium, bleibt das Fernmeldegeheimnis gewahrt.

Als ob es ein Trost wäre für die vielen Millionen Telephonkunden, schreibt der Postminister in einer Erläuterung weiter, daß das Ab- und Mithören von Informationen, die über das Medium Funk verteilt werden, keinesfalls erst seit der Aufhebung der Frequenzbandgrenzen möglich sei. "Jede Organisation oder Person, die über ein unverschlüsseltes Fernmeldemittel kommuniziert, muß sich bewußt sein, daß Dritte – mit bestimmtem technischen Aufwand – mithören können."