Toleranz also bei deutschen Gerichten. Merkwürdigerweise spuckt "Juris" auch ein türkisches Urteil aus dem Jahr 1989 aus. Ein Gesetz von 1988 erlaubt Studentinnen an türkischen Hochschulen, wieder ein Kopftuch zu tragen. Das türkische Obergericht in Ankara aber erklärte dies für verfassungswidrig: Es widerspreche der Trennung von Religion und Staat. "Die beim Gebrauch des Kopftuchs, das als unzeitgemäße und religiöse Institution erkannt wird, geltenden Zwänge und Formen sind mit der Gewissens- und Glaubensfreiheit nicht zu vereinbaren." Laizismus und Gewissensfreiheit dürften nicht in einen Konflikt versetzt werden.

In der kleinen Sammlung von Entscheidungen deutscher Gerichte kommen relativ häufig Koranschulen vor. So ist einmal Mietern untersagt worden, ihre Privatwohnung als Koranschule und Gebetsstätte zu nutzen. In einem türkischen Internat wurden neunzig Kinder unter sechzehn Jahren zum Islam erzogen. Das OVG Münster billigte 1987 die Schließung der Schule, denn ein solches Heim ohne erfahrene pädagogische Kraft mit staatlicher Prüfung und mindestens zweijähriger Berufserfahrung sei geeignet, das leibliche, seelische und geistige Wohl der Minderjährigen zu gefährden. Daß es den Anforderungen des Jugendwohlfahrtsgesetzes unterliege, verletze die Religionsfreiheit nicht. Der Verwaltungsgerichtshof in Mannheim wiederum weigerte sich, einem illegal eingereisten Koranlehrer nur deshalb die Aufenthaltserlaubnis zuzubilligen, weil der Imam eben Koranlehrer sei. Auch er braucht ein Visum.

Große Schwierigkeiten hatten drei deutsche Gerichte mit der Morgengabe. Ein Deutscher, zum Islam übergetreten, hatte eine Palästinenserin geheiratet. Bei der Trauung im Islamischen Zentrum in München wurde eine Bescheinigung geschrieben, die auch der Imam und zwei Trauzeugen unterzeichneten: "Das Brautgeld wurde auf 100 000 DM festgelegt." Die Ehe hielt nur drei Jahre und vier Monate; von ihrem geschiedenen Gatten verlangte nun die Frau die Morgengabe heraus.

Die Justiz wendete dieses "Kuckucksei aus dem Morgenland", so ein Wissenschaftler, verzweifelt hin und her. Ein Gericht sprach der Frau das Geld zu, ein anderes nicht, und der Bundesgerichtshof (BGH) spielte seine ganze Gelehrtheit aus, konnte aber die Sache auch nicht entscheiden. "Nach islamischen Vorstellungen" besteht eine "Verpflichtung des Bräutigams zur Erbringung der Morgengabe". Was ist das? Ehevertrag, Unterhalt, Güterrecht, Erbrecht oder eine "reine Formsache", wie der Mann hinterher behauptete? Der BGH empfahl, das Versprechen als Abfindungsvertrag anzusehen; dann stünde der Frau das Geld zu. Im Lexikon ist überhaupt nichts über muslimisches Recht zu finden. Es heißt dort unter "Morgengabe": "Im germanischen und älteren deutschen Ehegüterrecht Geschenk des Ehemannes an die Ehefrau am Morgen nach der Hochzeitsnacht, auf das die Frau einen Rechtsanspruch hatte."

Schwierigkeiten gibt es auch bei der Legitimation von Kindern. Das mohammedanische Recht kennt die Unterscheidung zwischen nichtehelichem und ehelichem Kind nicht. Und so gibt es dort auch keine Willenserklärung des Vaters, die die Ehelichkeit eines Kindes begründet. In drei Urteilen zerbrachen sich deutsche Obergerichte über Goodwill-Erklärungen algerischer, marokkanischer und tunesischer Väter den Kopf. In allen drei Fällen gelang es dann, die Kinder zu legitimieren.

Weniger verständnisvoll reagierte 1977 das Bayerische Oberste Landesgericht auf eine in Teheran ausgesprochene Privatscheidung. "Die Anerkennung einer privaten Ehescheidung verstößt dann gegen den ordre public" (gegen wesentliche Grundsätze des deutschen Rechts), so der Leitsatz, "wenn sie vom iranischen Ehemann in Abwesenheit und ohne Verständigung der deutschen Ehefrau mit Hilfe einer von dieser mehrere Jahre vorher erteilten Vollmacht ‚einverständlich‘ herbeigeführt wurde und die Eheleute seit Erteilung der Vollmacht nicht getrennt gelebt haben." Die Geschichte hinter diesen trockenen Formeln mag um einiges dramatischer gewesen sein.

Die gröbsten Schwierigkeiten hat die deutsche Justiz mit dem muslimischen Schlachtgebot, dem Schächten. "Hierbei wird den Tieren, hauptsächlich Schafen, ohne vorherige Betäubung die Kehle durchgeschnitten, so daß sie ausbluten." Das Verwaltungsgericht in Berlin gestand 1979 einer Frau das Schächten zu, wenn sie die Tiere vorher betäubt. Im Koran, Sure 5, Vers 4, heißt es dazu: "Verwehrt ist euch Krepiertes, Blut, Schweinefleisch und das, über dem ein änderer Name als Allahs (beim Schlachten) ausgerufen ward; das Erwürgte, das Erschlagene, das durch Sturz oder Hörnerstoß Umgekommene, das von reißenden Tieren Gefressene, außer dem, was ihr reinigt, und das auf (Götzen-)Steinen Geschlachtete."