Wie in vielen Religionen sind auch hier ursprüngliche Hygiene-Vorschriften zum Ritus geworden. Das Problem der deutschen Justiz stammt aus der Nazi-Zeit: 1933 wurde das Schächten ausnahmslos verboten. Das war als Schikane gegen die Juden gedacht, die ebenfalls Schächten. Das Verbot wurde als Nazi-Regelung nach 1945 null und nichtig. Doch in unserem Kulturkreis wird das Schächten als grausame und unnötige Tierquälerei empfunden, daher versuchten Behörden immer wieder, wenigstens die Betäubung zu erzwingen. Grundlage hierfür war das Tierschutzgesetz.

Anders das Verwaltungsgericht Würzburg 1981: "Die im Gesetz über das Schlachten von Tieren angeordnete Betäubungspflicht warmblütiger Tiere vor dem Schlachten findet in Bayern keine Anwendung auf rituelle Schlachtungen – hier: Schächten von Opfertieren durch Angehörige moslemischen Glaubens. Derartige rituelle Schlachtungen bedürfen keiner Erlaubnis nach dem Tierschutzgesetz."

Nun werden aber auch Tiere zur Fleischversorgung geschlachtet. Eine Türkin, die 1979 mit Erfolg gegen die Betäubungsanordnung der Schlachtbehörde klagte, handelte mit Fleisch- und Wurstwaren für Muslime. Sie hatte bereits sechs Jahre ohne Betäubung geschächtet, als die Behörde einschritt mit der Begründung, die Generaldirektion für theologische Angelegenheiten in Ankara halte es nach islamischem Ritus für zulässig, die Tiere vor der Schächtung zu betäuben.

Die Türkin legte drei islamisch-theologische Gegengutachten vor und 952 Unterschriften ihrer Kunden. Das Amt berief sich auf höchste islamische Autoritäten in Ankara und Kairo. Auch werde aus Frankreich nach Arabien exportiertes Geflügel vor der Schlachtung betäubt.

Das Gericht befand jedoch, Religionsfreiheit gehe vor Tierschutz. Dieser gehöre im Falle des Schächtverbots nicht zum Mindestbestand an sittlichen Grundnormen, die zum gedeihlichen Zusammenleben unerläßlich sind. So kam es zu dem Leitsatz: "Das Schächten von Schlachttieren nach islamischem Ritus fällt – entgegen dem Schlachtgesetz vom 21. 4. 1933 – unter den Schutz des Grundgesetzes (Freiheit der Religionsausübung)."

Erst vor kurzem geriet diese inzwischen gefestigte Praxis wieder ins Wanken. Eine Gruppe von Muslimen in Ulm wollte mehrere Tiere für das Ibrahim-Opferfest ohne Betäubung Schächten. Das Landratsamt verbot dies. Das Verwaltungsgericht in Augsburg berief sich dann wieder auf eine Expertise der Al-Azhar-Universität in Kairo als der Autorität in Glaubensfragen, und diese halte es mit den Vorschriften des Korans für durchaus vereinbar, Schafe, Kamele und Rinder vor dem Schlachten zu betäuben.