Von Maria Huber und Christian Schmidt-Häuer

Moskau

Boris Jelzin hat sich jüngst nicht gescheut, das britische Parlament mit den gleichen Signalen zu alarmieren, die er daheim schon seit Wochen aussenden läßt. Bevor es in Rußland zu einem "revanchistischen Coup" komme, so seine kaum noch verschlüsselte Warnung, werde er selbst den Ausnahmezustand verhängen. Ist der Präsident, der den Putschisten im August 1991 auf einem Panzer trotzte, in Panik geraten? Spielt er nur eine geschickte Pokerpartie? Oder plant er kühl den Staatsstreich von oben – weil ihm das reformfeindliche Parlament, die rot-braune "nationale Rettungsfront", die drohende Pleite seiner Wirtschaftsreform und damit der Bankrott des ganzen Landes keinen anderen Ausweg mehr lassen?

Welche Rolle der russische Präsident auch anstrebt – es wird nicht die der britischen Königin sein, mit der Michail Gorbatschow in seiner Ohnmacht vor der Auflösung der Sowjetunion verglichen worden war. Jelzin hat seine ausgeprägteren Machtinstinkte und Führungsqualitäten gleich nach der Rückkehr aus London demonstriert. Noch Anfang November war er der mächtigsten und zugleich maßvollsten Oppositionsbewegung, der Bürgerunion unter Führung von Arkadij Wolskijs Industrie verband, selbstgewiß in die Parade gefahren. Sie habe beim Koalitionsgespräch im Kreml "zu großen Appetit" gezeigt.

Am vergangenen Wochenende ging Jelzin nun selbst in die Höhle der Löwen: Der Präsident folgte Wolskijs Einladung zum Kongreß des Industrieverbandes in den abgelegenen und abgewetzten Kulturpalast Melnikowstraße Nr. 7, Metrostation "Proletarskaja". Und Jelzin brachte gleich auch die wichtigsten Kabinettsmitglieder der Regierung Jegor Gajdar mit, die von den Konzernchefs wegen der Privatisierung und den Subventionskürzungen gescholten wird. Einige der jungen Minister hatten kurz zuvor noch auf der ominösen Abschußliste gestanden, an der Jelzin den "zu großen Appetit" der Bürgerunion ausmachte.

Nun waren sie alle vereint, die Opposition und ihre "Opfer", aufgebaut vor 570 Generaldirektoren der großen Staatsbetriebe und einigen Hundertschaften aus regionalen Verwaltungen, Banken, Parlamenten. Ein Bild wie aus alten Zeiten: fünf Stuhlreihen mal zwölf Personen auf dem Podium; Wolskij, der freundliche Buddha aus dem alten Parteiapparat, zwischen Jelzin und seinem Vizepräsidenten Alexander Rutzkoj, der im Kulturpalast – Sinnbild der parlamentarischen Schizophrenie Rußlands – als Oppositionsführer der Bürgerunion auftrat. Und nahe bei Rutzkoj wiederum saßen die von ihm als "Jungen in rosa Höschen" abgebürsteten Minister Netschajew (Wirtschaft) und Tschubais (Privatisierung).

Jovial dankte Jelzin den mehrheitlich aus der – von ihm verbotenen – KPdSU abstammenden Konzernchefs: "Die Industrieführer haben den Versuchen jener Kräfte widerstanden, die Rußland in das Chaos zerstörerischer Streiks stürzen wollten. Sie gaben der Regierung unschätzbare Unterstützung, als sie mit ihr die Verantwortung für die Marktreformen teilten."