Doch wie soll es weitergehen? Bald werden neue Zahlen von Häftlingen und bisher unbekannte Namen von Lagern zu hören sein. Was würden wir sagen, wenn nach einer Erdbebenkatastrophe, die eine Millionenstadt zertrümmert hat, alle Hilfsflüge zurückgehalten werden, weil erst ein Kongreß von Seismologen über die Lage des Epizentrums beschließen solle. Wie bei Naturkatastrophen sollte auch hier der Maßstab die Not und nicht der Konsens aller möglichen Nothelfer sein. Alle Häftlinge müssen aufgenommen werden – und wenn nur ein Land in Europa die Initiative ergreift und in Vorleistung geht.

Noch ist das Angebot der Serben, die Häftlinge auszuliefern, nicht zurückgezogen. Die Zusage könnte als Signal kraftvoll genug sein, um auch bei den Herren jener Lager anzukommen, zu denen sich das Rote Kreuz bislang keinen Zugang verschaffen konnte. Die Serben haben offenbar begriffen, daß sie auf dem besten Weg sind, zum Paria der Völkergemeinschaft zu werden. Sie könnten sich deshalb zu einem Minimum von Menschlichkeit bereit finden. Immerhin hatte, so war aus Genf zu hören, die Schweiz vor einigen Wochen daran gedacht, eine Vorleistung anzubieten, um dann über die weitere Verteilung der Häftlinge mit den anderen europäischen Nationen zu verhandeln. Die Schweizer Zeitungen fordern einen Alleingang ihres Landes. Vielleicht könnten auch zwei oder drei Länder gemeinsam diesen Schritt tun. Das Vertrags-Europa hat ihn in der ganzen Zeit des serbischen Eroberungskrieges bisher nicht geschafft.

Warum sollte Deutschland nicht vorangehen? Die sogenannte "Aufnahmekapazität" ist in unserem reichen Land immer noch eine politische Größe, eine Frage des Konsenses und nicht der Mittel. Gewiß, die Bundesregierung und die Parteien stehen im Bann der Asyldebatte. Sie haben sich damit freilich weitgehend selbst paralysiert und die politische Aufgabe zum bürokratischen Problem gewendet. Dennoch müßte es möglich sein, die Häftlinge aus den Lagern zu holen. Dazu bedürfte es einer Initiative der Bundesregierung und der Mitwirkung aller Parteien und gesellschaftlichen Kräfte. Dann ließe sich wohl ein deutscher Alleingang im Namen Europas vertreten.