Mutters Stein – Seite 1

Von Esther Knorr-Anders

Der Friedhofsgang war längst überfällig. Immer war etwas dazwischengekommen: Reisen, Wohnungswechsel, Hochzeit von Freunden, Arbeit an einem Buch. Heute aber sollte es soweit sein. Dreißig Jahre war Mutter tot. Im Anfang war ich jede Woche zu ihrem Grab gegangen, dann jeden Monat, schließlich alljährlich zum Totensonntag – und noch später auch das nur unregelmäßig. Am besten gar nicht daran denken. Doch heute, endlich, hielt mich nichts von meinem Vorhaben ab.

Ich ging zu dem Blumenstand beim Friedhofseingang. Der Verkäufer war schon etwas älter, wies auf Astern- und Alpenveilchentöpfe. "Das ist mir zu unansehnlich. Es muß etwas Prächtiges sein." Er bedachte mich mit einem nachdenklichen Blick. "Lange nicht hier gewesen, stimmt’s?" Mit einem wahren Wunder von Blumenschale – Usambaraveilchen, Christrosen, Calla – verließ ich seinen Stand. Die Schale war schwer, doch die Pracht stand Mutter zu.

"Lange nicht hier gewesen, stimmt’s?" Dieser Satz verfehlte seine Wirkung nicht. Aber wieviel Zeit war denn vom letzten Besuch bis heute verstrichen? Waren es womöglich schon sieben Jahre? Nein, das konnte doch nicht stimmen. Fünf Jahre, das mochte hinkommen. Je näher ich dem Gräberfeld E 15 kam, um so mehr verkürzte sich die Zeitspanne. Drei Jahre, ja vielleicht. Drei Jahre.

Am Brunnen mußte ich noch vorbei und den Trittpfad zur letzten Gräberreihe hinauf. Dahinter begann der Wald. Doch was bekam ich zu sehen? Umgewühlte Erde, ein Aushubfeld. Plötzlich wußte ich exakt, wie lange ich nicht bei Mutter gewesen war: neun Jahre. Und jetzt war ich zu spät gekommen. Ach Mutter. "Mach dir keine Knoten in die Seele", pflegte sie in ihrer Berliner Mundart zu sagen, wenn etwas schiefgegangen war. Sie hatte es oft gesagt.

Am äußersten Rand des Feldes, in der letzten Reihe, war Mutters Grab das sechste gewesen. Ungefähr mußte die Stelle zu finden sein. Der feuchte, rutschige, noch unplanierte Boden gab unter den Schuhen nach. Und er gab seinen Inhalt preis. Das kalte Grauen packte mich. Verstreut ragten bleiche Gebeine, Holzstücke, Pflanzenwurzeln und Blumenzwiebeln aus der schwarzen Erde. Ob sich Mutters Grab unter diesen oder jenen Quadratmetern Erdreich befunden hatte, ließ sich nicht mehr abschätzen. Andere Friedhofsgänger schauten von fern herüber. Einen sonderbaren Anblick mußte die Frau bieten, die mit einer Blumenschale auf dem Aushubfeld stand. Ich setzte die Schale ab. Vielleicht hatte ich, in Erinnerung an die einstige Grabreihenordnung, Mutters Platz gefunden, wahrscheinlich jedoch nicht. Ich dachte: Ist das eigentlich noch wichtig? Die Schale stand nun für alle, die hier geruht hatten; so mußte es gesehen werden.

Ich wandte mich ab und ging geradewegs auf einen Traktor zu, auf dem ein Friedhofsarbeiter saß und aß. Auch er hatte mich beobachtet. Ich schimpfte auf eine Verwaltung, die es nicht für nötig befunden hatte, die Hinterbliebenen von der Gräberaushebung zu benachrichtigen, das könne man doch von einem Trauerfallamt erwarten. Wortlos hatte er mich ausreden lassen. Er ließ sich Zeit, bevor er etwas sagte.

Mutters Stein – Seite 2

"Zu spät gekommen, hab’ ich recht? Das ist ein scheußliches Gefühl." Er griff zu einer Erdnußdose. "Nehmen Sie ein paar, Nüsse beruhigen die Nerven." Ich lehnte dankend ab. Dies wiederum löste sanftes Kopfschütteln bei ihm aus. In nachsichtigem Tonfall erklärte er, daß der ahnungslose Friedhofsbesucher vor einem Aushubfeld stets erschrecke, und wenn es noch nicht fertig planiert sei, erschrecke man furchtbar.

Er steckte sich Nüsse in den Mund, kaute bedächtig und sagte dann: "Sie sind keine sorgfältige Zeitungsleserin. Aushubfelder werden amtlich bekanntgegeben, lange bevor der Bagger kommt. Es stehen doch Gedenksteine auf den Gräbern, und die werden vorher abgeräumt und am Wegrand niedergelegt. Viele Hinterbliebene holen sie zur Weiterverwendung oder als Gartenschmuck ab. Stein bleibt Stein und behält seinen Wert. Was nicht abgeholt wird, wird von Amts wegen zertrümmert."

Er mußte bemerkt haben, daß ich zusammenzuckte, denn nochmals bot er mir Nüsse an. Mutters Stein! War er auch zertrümmert worden? Oder könnten gewiefte Steinmetze die übriggebliebenen Steine abtransportiert, neu geschliffen und wieder verkauft haben? Ich fragte ihn danach. "Das wollen wir wirklich nicht annehmen", erwiderte er, ließ aber die Möglichkeit offen, daß einzelne interessierte Spaziergänger ein "begehrliches Auge" auf so einen herrenlosen Stein werfen könnten und ihn stillschweigend abholten. "Nicht jeder Hinterbliebene kann sich einen Gedenkstein für seinen Verstorbenen leisten. Eine andere Inschrift, andere Daten, schon schmückt er ein neues Grab, oft über dreißig Jahre lang. Also mich würde das trösten. Woll’n Sie nicht doch ein paar Nüsse?"

Der Gedanke tröstete. Hoffentlich hatte den Stein jemand gestohlen, möglichst einer, der mit jedem Pfennig rechnen muß. Es war ein schöner Stein gewesen. Roter Porphyr, poliert. Er bot sich zur Weiterverwendung nachgerade an, denn er hatte nur ein einziges Wort enthalten: Mutter.