"Zu spät gekommen, hab’ ich recht? Das ist ein scheußliches Gefühl." Er griff zu einer Erdnußdose. "Nehmen Sie ein paar, Nüsse beruhigen die Nerven." Ich lehnte dankend ab. Dies wiederum löste sanftes Kopfschütteln bei ihm aus. In nachsichtigem Tonfall erklärte er, daß der ahnungslose Friedhofsbesucher vor einem Aushubfeld stets erschrecke, und wenn es noch nicht fertig planiert sei, erschrecke man furchtbar.

Er steckte sich Nüsse in den Mund, kaute bedächtig und sagte dann: "Sie sind keine sorgfältige Zeitungsleserin. Aushubfelder werden amtlich bekanntgegeben, lange bevor der Bagger kommt. Es stehen doch Gedenksteine auf den Gräbern, und die werden vorher abgeräumt und am Wegrand niedergelegt. Viele Hinterbliebene holen sie zur Weiterverwendung oder als Gartenschmuck ab. Stein bleibt Stein und behält seinen Wert. Was nicht abgeholt wird, wird von Amts wegen zertrümmert."

Er mußte bemerkt haben, daß ich zusammenzuckte, denn nochmals bot er mir Nüsse an. Mutters Stein! War er auch zertrümmert worden? Oder könnten gewiefte Steinmetze die übriggebliebenen Steine abtransportiert, neu geschliffen und wieder verkauft haben? Ich fragte ihn danach. "Das wollen wir wirklich nicht annehmen", erwiderte er, ließ aber die Möglichkeit offen, daß einzelne interessierte Spaziergänger ein "begehrliches Auge" auf so einen herrenlosen Stein werfen könnten und ihn stillschweigend abholten. "Nicht jeder Hinterbliebene kann sich einen Gedenkstein für seinen Verstorbenen leisten. Eine andere Inschrift, andere Daten, schon schmückt er ein neues Grab, oft über dreißig Jahre lang. Also mich würde das trösten. Woll’n Sie nicht doch ein paar Nüsse?"

Der Gedanke tröstete. Hoffentlich hatte den Stein jemand gestohlen, möglichst einer, der mit jedem Pfennig rechnen muß. Es war ein schöner Stein gewesen. Roter Porphyr, poliert. Er bot sich zur Weiterverwendung nachgerade an, denn er hatte nur ein einziges Wort enthalten: Mutter.