Von Helmut Holzapfel

Als der erfolglose amerikanische Präsidentschaftskandidat Ross Perot erklärte, wie gut er die Verkehrsinfrastruktur der Vereinigten Staaten ausbauen wolle, nannte er als Vorbild die Bundesrepublik Deutschland. Die enormen verkehrspolitischen Pläne in Deutschland und Schlagzeilen wie "Autobahnen werden achtspurig" oder gleichzeitig "Vorrang für die Schiene" haben ein internationales Echo gefunden. Beeindruckt hat dabei vor allem die Höhe der angepeilten Investitionen. Die Rede ist von 500 Milliarden DM für die nächsten zwanzig Jahre.

Schauplatz Deutschland, Tagung der evangelischen Akademie Bad Boll zur Verkehrszukunft: Rainald Ensslin, Direktor im Regionalverband mittlerer Neckar in Stuttgart, erklärt in bemerkenswerter Klarheit, er sehe für das Automobil keine Zukunft, es sei ganz einfach zu teuer geworden. Den hohen geplanten Investitionen haftet nämlich vor allem der Makel an, daß hierzulande keiner genau weiß, wer sie bezahlen soll. Gefährdet das Automobil, immerhin in Schwaben erfunden, am Ende ein typisch schwäbisches Argument: Zu teuer? Anzeichen dafür gibt es bereits: So können in den Vereinigten Staaten, trotz Finanzkrise eines der reichsten Länder der Erde, die Unterhaltskosten für die bestehenden Straßen kaum noch aufgebracht werden.

Wie und wofür Menschen ihr Geld ausgeben, informiert in hohem Maße über ihre Lebensweise. In der Bundesrepublik fließt ein immer größerer Teil in den Verkehr. Waren es noch 1959 etwa 3,6 Prozent des Budgets eines durchschnittlichen privaten Arbeitnehmerhaushaltes, die für Ortsveränderungen aufgewendet wurden, ist dieser Anteil 1991 schon etwa fünfmal so hoch. Im Bundeshaushalt 1959 beanspruchte der Verkehr 8,5 Prozent – und das war viel, denn der Ausbau des Straßennetzes genoß Priorität. Dieser hohe Anteil hat sich freilich im wesentlichen über die Jahre gehalten. Die "versteckten Kosten" für Verkehr erhöhten sich währenddessen allerdings ständig, beispielsweise in Form des Defizites der Bahn.

Wir geben also immer mehr für Mobilität aus. Wie kommt das, woran liegt es? Erstens bewegen wir uns immer weiter weg. War 1978 der durchschnittliche Weg eines Bundesbürgers noch 9,5 Kilometer lang, überwand er zehn Jahre später schon 11,5 Kilometer. Zweitens bewegen wir uns mit immer teureren Verkehrsmitteln.

Das immer weitere Fortfahren erstaunt etwas, denn auch unsere Wohnungen und Häuser – das ist neben dem Verkehrsbereich der ebenfalls sehr stark wachsende Ausgabenbereich der Bundesbürger – sind immer größer und teurer geworden. In so schönen Behausungen müßten wir eigentlich gerne bleiben wollen.

Nun sind es allerdings häufig ganz alltägliche Dinge, die uns weiter weg fahren lassen. Die Siedlungsplaner und Stadtparlamentarier – meist Männer im besten Alter mit Doppelgarage vor dem Haus – fanden lange Zeit nichts dabei, Einrichtungen von Schulen bis zu Ausgabestellen für Reisepässe immer mehr zu konzentrieren und zu zentralisieren; der Bürger würde ja schon irgendwie hinkommen. Die Menschen selbst trugen zur ökonomischen Seite des Entfernungswachstums erheblich bei: Um billig einkaufen zu können fuhren sie immer weiter zu Großmärkten und wunderten sich, wenn die "nette Frau um die Ecke" ihren Laden schloß. Nicht erstaunlich ist, daß bei alledem immer mehr Verkehr herauskommt, der am Ende durch Lärm und Abgase unsere schönen Häuser und Wohnungen entwertet, so daß wir in unserer freien Zeit nicht dableiben, sondern möglichst schnell wegfahren.